Hier halten wir euch über die Dreharbeiten unseres aktuellen Films "Wir drehen uns" auf dem Laufenden.
Außerdem informieren wir über so einiges, was in Sachen Amateurfilm rund um Bocholt und NRW noch so geht.

Jakobs Halbzeit
09.05.2011

Es ist schon hell draußen, mehr aber auch nicht. Die Vögel zwitschern sich den Tag schön und ein zweiköpfiges Filmteam steht herzlich belämmert auf dem Marktplatz in Rees herum: Sollte hier nicht was los sein? Sechs Uhr morgens an einem Samstag. Amateurfilmer David  J. Lensing hatte sich aufgeweckte Marktschreier vorgestellt, die in der Dämmerung frische Fische von A nach B werfen, ihre Rüben anpreisen und um den letzten Cent feilschen, aber nix da. Ist ja hier nicht Hamburg, sondern Rheinland. Um diese Uhrzeit ist der Hund noch begraben. Kein Wunder. Wenn man gut drüber nachdenkt, ist es reichlich bescheuert, an einem Samstag um sechs aufzustehen – leider ist „gut drüber nachdenken“ ein vernachlässigtes Hobby der ansonsten hochmotivierten Filmemacher. Neben David war Kevin Ramolla als zweiter Kameramann mit am Start. Um den unsinnigen Frühstart doch noch für lohnenswert zu erklären, sind die beiden prompt mit dem Equipment am Rheinufer gelandet, denn auch dort ließ sich die morgendliche Atmosphäre stimmungsvoll einfangen: Frachtschiffe, die gemächlich an der ältesten Stadt des Niederrheins vorbeiziehen, krächzende Möwen und ein paar einsame Angler, bla, bla, bla – long story short: als um acht Uhr morgens endlich die Setassistenz (Pia Rodriguez in Personalunion) eintraf um die „richtigen Szenen“ zu drehen, hatten David und Kevin bereits zwei Stunden lang Stimmungsbilder gesammelt und waren so wach und frisch wie der junge Morgen. Für unseren Erkin-Darsteller Kevin hieß es jetzt, wieder vor der Kamera aktiv zu werden. Auftritt Body Cam! Den lieben langen Vormittag verbrachte das inzwischen dreiköpfige Filmteam in den Straßen von Rees – überwiegend mit ihrer neusten Amateurfilm-Konstruktion: Einer selbst gebauten Body Cam. Ein leichtes Stativ, drei Spanngurte, ein Gürtel und die Nikon D90 machen es möglich, Kameraeinstellungen aus Filmen wie „Requiem For A Dream“ oder „Crank“ zu realisieren. Das sieht auf den ersten Blick zwar beschränkt aus (das Stativ an Kevin gefesselt, als hätten die beiden was miteinander), aber auf den zweiten Blick – durch den Sucher – überzeugt diese Technik jedoch sehr. Nach dieser innovativen Session ging’s dann ins Krankenhaus. Nicht weil Kevin sich an dem Stativ verhoben hat, sondern um eine weitere Szene einzufangen. Ein Kellerraum in der Gesundheits- und Krankenpflegeschule des St.-Agnes-Hospitals in Bocholt war die dritte von über sechs Drehorten, die wir an diesem fetten Wochenende aufsuchten. Kleine Bilanz am Rande:

Gedreht wurde am Samstag von 6 bis 21 Uhr, am Sonntag von 6 bis 15 Uhr – summa summarum 24 Stunden. Mit 15 Stunden pausenloser Drehzeit haben wir am Samstag den „Wohnwagen-Drehtag“ aus dem Jahre 2009 mit seinen lachhaften 14 ½ Stunden hinter uns gelassen und sind ins nächste Level aufgestiegen. Das ganze Wochenende hat uns abgedrehte 12 Szenen beschert. Jetzt stehen auf dem Drehplan nur noch 14 von ursprünglich geplanten 40 Drehtagen, womit wir die Hälfte sowas von hinter uns hätten: Spätestens im Oktober ist unsere Tragikomödie „Jakobs Weg“ im Kasten – vorausgesetzt, es läuft weiterhin alles so glatt.

In der Krankenpflegeschule wuchs die Crew am Samstagnachmittag dann um zwei weitere Fachkräfte: Maren Buß, Setassistenz und Krankenschwester in Spe, und die Maskenbildnerin Carina Grallert waren mit von der Partie. Carina machte sich direkt daran, Kevin krankenhausreif zu schminken, während das restliche Team den Drehort herrichtete – aber an dieser Stelle wollen wir mal nicht zu viel verraten, sonst lohnt es sich nachher gar nicht mehr, den Film anzuschauen. So viel sei gesagt: Als Carina mit Kevin fertig war, sah der Gute aus, als hätte er sich mit einem Känguru angelegt. Mit all den Verletzungen und Verbänden ließ er es sich natürlich nicht nehmen, vor den Aufnahmen noch eine Runde durch das Gebäude zu drehen, um die Reaktionen ahnungsloser Leute zu checken. Wann kann man sich solche Späße schon erlauben?
Wenige Stunden später ging es dann wieder bierernst zu, als D-Movie-Darsteller Günter Thebingbuß sich auf dem Friedhof ein paar Tränchen herausdrückte – voll im Fokus der Kamera von David und unterstützt von der Zwiebel aus Carinas Tränchen-Trickkiste. Während das Trio diese intime Szene ganz in Ruhe abdrehte, gönnte sich die stetig wachsende Crew ein Eis auf dem Marktplatz. Bei 30 Grad im Schatten nicht die schlechteste Idee. Mit dieser nahrhaften Grundlage im Magen ging es schließlich auf zur letzten Etappe des Tages: Die inzwischen zehnköpfige Truppe machte sich am Rheinufer breit und drehte drei weitere Stunden lang einen Stummfilm und einen Musikvideo – natürlich alles für das aktuelle Amateurfilm-Projekt „Jakobs Weg“, das natürlich viel mehr als nur den Hauptfilm umfassen wird.
Zum feierlichen Abschluss des Tages hatten David und Kevin zu guter Letzt die rückblickend betrachtet dumme Idee, angeln zu gehen und die ganze Nacht wach an einem Tümpel zu verbringen, ohne auch nur einen einzigen Fisch zu fangen. Eine lächerliche Stunde Schlaf passte noch dazwischen, ehe am Sonntagmorgen um 6 Uhr weiter gedreht wurde: Mit einer Müdigkeit in den Knochen, die jede Einstellung zu einem Kampf machte. Zum Glück war unser vergleichsweise ausgeschlafener Hauptdarsteller Philipp Wormskamp mit dabei, der gerade noch rechtzeitig einen fetten Filmfehler bemerkte – daraufhin durfte wir zwar eine Stunde bereits abgedrehten Materials komplett wiederholen, dafür sind die Aufnahmen jetzt fehlerfrei. Juchee! Der gleiche Philipp machte sich mit Kevin gegen Mittag übrigens dafür stark, die Dreharbeiten bis zum bitteren Ende durchzuziehen – hätte man Regisseur David diese Entscheidung überlassen, wäre die letzte Klappe schon um 12 statt um 15 Uhr gefallen.

Vielen Dank an alle, die dieses Hammer-Wochenende möglich gemacht haben! Nicht zuletzt natürlich an Mona Theyssen für ihren beeindruckenden Geigen-Einsatz und an Jasmin Singh samt Mitbewohner für die großartige Gastfreundschaft am Sonntagnachmittag, als die Filmcrew deren WG belagern durfte. Der nächste Dreh steigt am 21/22. Mai und wird es schon wieder in sich haben: Zwei Tage durchdrehen mit Stefan Hoppe aus Köln! Wir halten den geneigten Stammleser auf dem Laufenden.
 

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