Bekenntnisse eines Amateurfilmers: Kevin Ramolla schildert aus erster Hand seine Erfahrungen
von gewöhnlichen oder weniger gewöhnlichen Drehtagen der Amateurfilm-Clique D-Movie aus Bocholt.
EIN GANZ NORMALER DREHTAG
Peep, peep, peep...
Der Wecker klingelt, 7 Uhr morgens, Wochenende, Kater – das kann jetzt echt nicht wahr sein. Man öffnet die müden, mit Sand verklebten Augen und realisiert, nachdem man die Ziffern auf dem Wecker nach einer verschwommenen Minute wahrnimmt, dass man eigentlich schon eine halbe Stunde früher hätte aufstehen sollen, aber im Halb- oder Ganzschlaf wohl immer wieder die Snooze-Taste gedrückt hat. Na super, schnell raus aus dem Bett, aber nicht zu schnell *rülps*, der Kater zieht am Kreislauf. Spätestens, wenn man versucht aufzustehen, bereut man Dave und dem Drehtag um diese grässliche Uhrzeit zugesagt zu haben. Eben die passende Garderobe raussuchen und langsam mal das Hirn anschmeißen. Schließlich darf kleidungs- und accessoirtechnisch nix verkehrt laufen, sonst steigt die Filmfehlerquote. Frühstücken? Geht noch nix rein in den Magen, und man kann eh auf feines Catering von der Bäckerei Lensing während des Drehtages vertrauen, herrlich. Aufs Fahrrad geschwungen und ab die Post, Richtung Drehort. Auf der Strecke noch einmal schnell alle gelernten Textpassagen im Kopf durchsprechen, ab und zu eine Kuh grüßen, und schon steht man vor einem hektisch umherwuselnden Dave, der versucht den ebenfalls hundemüden, unmotivierten Haufen, der sich schon angesammelt hat, zu koordinieren.
Text einmal durchsprechen ist nicht drin. "Klappt spontan am Besten", wie ich zu sagen pflege. Bevor man den Mund aufmachen kann, um zu fragen, wie Dave um die Uhrzeit schon so wach und nüchtern wirken kann, obwohl er am Vorabend ebenfalls gut einen sitzen hatte, steht man schon vor der Kamera. Da stellt man blöderweise fest, dass man irgendwie Textpassagen vergessen hat - und schon ist Improvisationsvermögen gefragt. Zwischen den ganzen "nochmal"s vom Regisseur schnell und unauffällig ein Drehbuch aus dem riesigen Haufen aus verstreuten Zetteln, Kuchentabletts, Kamerafahrtgleisen, Jacken und Getränkekästen – alles was sich so am Set ansammelt – hervorfischen und schnell die nicht gelernten Teile durchlesen. Ab und zu der herumkursierenden Making-Of-Cam ein Kommentar schenken und weiterlernen. Vor dem fehlenden Schlaf, dem Kater, den Textlücken und Sprachproblemen eine schöne, souveräne Fassade aufbauen und schon geht die Kamera wieder an.KEIN GANZ NORMALER DREHTAG
Eine große, grüne Wiese, Sonne und Schmetterlinge. Da liegt man schön in Boxershorts an den Wohnwagen gelehnt, klimpert einige Lieder auf seiner Gitarre und hat sich gerade an diese vollkommene Situation gewöhnt, da ist die klitzekleine Drehpause, die man sich durch ein hartes Wortgefecht soeben erworben hat, auch schon wieder vorbei. Augenblicke später steht man wieder in dem Wohnwagen, den wir uns für diese wichtigen Junkie-Park-Szenen von der Familie Üffink geliehen haben, und der sich aufgrund der netten, stabilen 25 C° Temperatur und der knallenden Sonne zu einem kleinen Backofen entwickelt hat. Türen und Fenster müssen, um "Störgeräusche" zu vermeiden, natürlich geschlossen bleiben. Danke, Dave! Also mit halb auswendig gelerntem Text und Sauerstoffmangel frisch ans Werk: Maddi vollbrachte hier ein wahres Kostümkistenmeisterwerk, indem sie in jeder Szene in ein anderes Outfit schlüpfte. Einige kamerageilen Bremsen, also diese fiesen, kleinen Stechfliegen, wie man sie vorwiegend aus Freibädern kennt, wollten natürlich auch an dem Spektakel teilnehmen. Sobald mal kurz die Tür offen stand, haben sich die Viecher rein geschlichen und sich während der Aufnahmen ins Bein gebissen oder direkt mal ins Gesicht der Akteure gesetzt, um deren wirkliche Schauspielerkompetenz herauszufordern. Wirkt natürlich nicht so überzeugend, wenn man ohnehin schon aufgrund der Textprobleme stotternd so tun muss, als existiere da überhaupt keine Bremse, die versucht, einem in die Nase zu krabbeln oder sich ins Bein zu bohren.
Um die ganze Situation noch ein wenig auszulasten, kam natürlich noch hinzu, dass Christopher zwischendurch zu einem wichtigen Termin musste und wir so ein Limit hatten, bis wann die gemeinsamen Tag-Szenen mit ihm im Kasten sein mussten. Dave rechnete uns somit ständig vor, wie viel Zeit wir für welche Szene einplanen sollten – und richtig witzig wurde es dann, wenn eine Szene doch etwas mehr Zeit als zugeschrieben in Anspruch nahm, der ganze Plan in Dave's Kopf wieder umgeworfen werden musste und er nachdenklich, so weiträumig wie es eben ging, im Wohnwagen auf- und abschritt und jede Minute immer kostbarer wurde. Was natürlich nicht hieß, dass keine Zeit für sonstigen Blödsinn blieb, wie zum Beispiel – um eine Einstellung zu testen – einfach mal mit der Making-Of-Kamera ins benachbarte Maisfeld zu hüpfen. Als die Szenen, die tagsüber gedreht werden sollten, sich endlich dem Ende näherten, kam noch der wichtige Endpart, in dem das Auto mit dem Wohnwagenanhänger aus dem Bild herausgefahren werden sollte. Dieser wichtigen Aufgabe sollte sich Maddi bemächtigen. War schon ein interessanter Moment, als man da auf dem Beifahrersitz saß und beobachtete, wie der Wagen vor Schmerzen beim Starten und Losfahren(-wollen) laut knirschend aufheulte und sich, nachdem die Drehzahl im nicht mehr ganz so gesunden Bereich lag, langsam in Bewegung setzte. Ist wohl doch nicht so leicht, so eine Kiste mit über einer Tonne im Nacken unbeschadet über eine hügelige Wiese zu manövrieren. War auch nicht der neueste Wagen, und zudem noch von Bekannten von Dave geliehen. Die waren anschließend natürlich nicht so erfreut den Wagen qualmend und stinkend zurückzubekommen – aber sonst gab’s keine weiteren Probleme. Die Besitzer wurden mit Alkohol und Geld besänftigt und der Wagen fährt heute noch seine Runden.
Nachdem der Drehtag eigentlich vom Gefühl her schon zu Ende hätte sein können (da wir schon immerhin um die 6 Stunden vor der Linse standen), war’s natürlich noch längst nicht vorbei. Um 22 Uhr traf sich die Crew mit Zuschauerbrigade zum nächtlichen Wohnwagen-Dreh wieder. Schon allein durch die Komplikationen und Strapazen am Nachmittag erschienen die Beteiligten mit nicht allzu viel Motivation. Die Befürchtungen bestätigten sich und wir brauchten fast die ganze Nacht, genau genommen bis fast 4 Uhr morgens, bis die letzte Klappe endlich fiel. Das ganze Szenario bis zum bitteren Ende bestand aus mehreren Szenen, in denen Maddi und ich uns wieder mal viele, nette, kleine Zwiebelstückchen in die Augen pressen durften, um unter dem authentischen Blinzeln und der totalen Nervüberreizung ein wenig weinerlich auszusehen, sowie einem gemeinsamen Abendessen in "Peter Lustigs Wohnwagen". Outtakes gab’s am Nachmittag und Abend natürlich nicht zu wenig. Um ungefähr zwei Uhr morgens verließ einen beispielsweise so langsam die Gehirnaktivität und die gelernten Texte, die schon seit 24 Stunden gespeichert waren und sich ebenfalls langsam aus dem Kurzzeitgedächtnis ins Nichts verabschiedeten, kamen nur noch per Autopilot heraus gebrochen. Es wurden gerne mal vollkommen neue Sätze oder Worte erfunden, die nie wirklich im Skript vorkamen, oder auch nur ansatzweise etwas mit dem Geschehen zu tun hatten.Es ist dem Regisseur wirklich hoch anzurechnen, wenn er aus den 5 Stunden Rohmaterial tatsächlich etwas Verwertbares herausfiltern kann. Nach diesem totalen Brainfuck-Erlebnis, das sich in – zu dem Zeitpunkt sehr amüsanten – Schatullen-Witzen und Zwiebelschalen auflöste, half zur Entspannung und zum Einschlafen nur noch der wunderbare Film „Lesbian Vampire Killers“, den sich der übrig gebliebene, völlig ausgezehrte Haufen dann bei Dave zu Hause noch reinzog, um gen 9 Uhr morgens wieder aufzustehen und nach einem vitamin- und ebenso kalorienreichen Schwarzwälder-Kirschtorten-Frühstück noch einmal fünf Stunden irgendwelche, mittlerweile für den Verstand völlig bezugs- und belanglosen, Autofahrszenen zu drehen.
Es lief nicht alles so glatt, wie wir es gerne gehabt hätten, das ist bei uns jedoch eigentlich auch nie zu erwarten – man muss oftmals etwas Geduld und auch Zeit mitbringen, um erfolgreiche und nahezu stressfreie Szenen zu drehen. Aber selbst wenn diese ganze Filmparade einen total mitreißen kann und ziemlich viel Spaß macht, ist jeder Darsteller doch froh nach übertriebenen 14 ½ Stunden Dreh wieder man selbst sein zu können, und in meinem Fall nicht immer zur Charaktervorlage auf tote Hippie-Eltern zurückblicken zu müssen. Euer Henrik Briskow.
