Inspiriert von der Nouvelle Vague entwickelte sich in den 1960er Jahren ein Stil, der heute als der "neue deutsche Film" bezeichnet wird. Unter der Regie von Fassbinder, Kluge & Co. entstanden damals im Zuge dieser Bewegung Filme mit gesellschaftskritischen Themen, unabhängig produziert, fernab vom Unterhaltungskino. Zwei Jahrzehnte später verebbt der "neue deutsche Film". Wer noch nichts vom "neusten deutschen Film" gehört hat, dem sei das folgende Interview empfohlen, denn D-Movie sprach mit dem Begründer dieser Initiative, die geboren wurde, als der kritische Indie-Autorenfilm endgültig auszusterben drohte - Sascha M. Dornhöfer im Gespräch.
Kurzer Steckbrief
Name: Sascha M. Dornhöfer
Spitzname: Андрей Арсеньевич Тарковский 2
Alter: 40 Jahre
Wohnort / Herkunft: Berlin
Beruf: Dipl.-Psychologe, Dr. rer. nat.
Besondere Talente: Erfinder und alleiniger Aufrechterhalter des neusten deutschen Films
Website: www.neuemassenproduktion.de
Filmografie (seit 2003):
ca. 120 Kurzfilm (u.a. "Regieanweisung: Präzise")
eine Handvoll Musikvideos
eine Alternative-Comedy-Serie
ein Kunstfilmzyklus
- INTERVIEW -
D-Movie: Ihr haut regelmäßig neue Kurzfilme raus - passenderweise läuft eure Website unter dem Titel "Neue Massenproduktion". Was treibt euch an, woher nehmt ihr eure Ideen und warum hält euch keiner auf? Immerhin sind viele (alle?) Clips auf der Website entweder sinnfrei, albern oder anstößig. Aber auch - natürlich - Kunst. Wer ist eure Zielgruppe, was ist eure Message?
Dornhöfer: Zunächst möchte ich anmerken, dass es eigentlich nicht meine Art ist, mich von einem Zwölfjährigen für die Wandzeitung seiner Gesamtschule interviewen zu lassen. Andererseits ist es genau diese Generation, die es an unsere Filme heranzuführen und von Bushido und Justin Bieber wegzuholen gilt. Außerdem interessiere ich mich gewissermaßen für die Jugend: Ich und übrigens auch mein Vater, wir haben stets junge Freundinnen, manchmal sogar die selben. Was die Standardfragen betrifft: Die Ideen nehme ich meistens aus meinem hochbegabten Kopf, gelegentlich auch aus dem normal begabten meiner Mitstreiterin Alexandra Rothert. Sie sind jedenfalls (wie auch die Umsetzungen) allesamt brillant, auch wenn sie für den kognitiv ungeübten Rezipienten sinnfrei, albern oder gar anstößig erscheinen mögen. Ich möchte sagen, in aller erster Linie ist es Kunst, intelligente Kunst mit einer eigenen und äußerst souveränen Handschrift, um die uns viele Film-, Fernseh- und Werbenutten offen beneiden. Unsere Message richtet sich vielleicht am ehesten an so genannte Film-, Fernseh- und Werbenutten, Menschen also, denen gesellschaftlich die Hände gebunden sind, und sie lautet wie folgt: "Es ist verständlich, wenn der Mensch stolz darauf ist, dass er, obgleich nicht durch eigene Anstrengung, die höchste Sprosse der organischen Stufenleiter erklommen hat. Die Tatsache, dass er bis dahin gelangte, anstatt von Anfang an dahingestellt worden zu sein, gibt ihm die Hoffnung, dass er in ferner Zukunft noch höher gelangen werde."
D-Movie: Ein guter Teil der auf eurer Website aufgeführten Filme ist als menschenverachtend, diskriminierend etc. gekennzeichnet und nicht verlinkt. Existieren diese Filme überhaupt? Würdest Du Dich als provozierfreudig bezeichnen? Wenn ja: Was gefällt Dir daran, Deinem Publikum vor den Kopf zu stoßen?
Dornhöfer: Die Filme existieren. Sie sind allesamt auf Youporn einsehbar und hervorragend bewertet worden. Ich hoffe nicht, dass wir unser Publikum vor den Kopf stoßen, unsere Absicht ist es viel mehr, es in den Kopf zu stoßen, das limbische System ein bisschen aufzurütteln und Ordnung im synaptischen Spalt zu schaffen.
D-Movie: Anderes Thema: Der Film "Inception" hat letztes Jahr für einen kleinen Hype gesorgt und wurde von vielen freudigen Kinogänger wegen seiner Genialität gefeiert. Was hält ein Sascha Dornhöfer von dem Streifen und seiner genialen Idee? Und was hättest Du uns mit so viel Budget geliefert?
Dornhöfer: Inwiefern ich die Idee als genial empfinde, müssen Sie schon mir überlassen. Diesen Mainstream-Autorenfilm möchte ich als besten Big-Budget Film der letzten Jahre bezeichnen, weniger die Idee als ihre Umsetzung ist genial. Für das Budget von 160.000.000 $ würde ich etwa 280 mal so was wie „Monsters“ drehen, zudem mit neuen und unverbrauchten Gesichtern. Müsste ich das Geld allerdings auf einmal ausgeben, würde ich auf IMAX und unter hundertfacher und aufwendigster Ausleuchtung eine Hütte in Brandenburg wochenlang statisch abfilmen, bis das Geld ausginge. Es würde durch das ausgeklügelte Licht immer so aussehen, als wäre es 12 Uhr Mittags. Damit der Zuschauer nicht so lange rumsitzen muss, wie damals bei Warhols „Empire“, würde ich es letztlich zu etwa 10 Minuten zusammenraffen. „High Noon oder die Zehnminutendekadenz oder: das teuerste Foto der Welt“ würde ich das Werk nennen und es wäre wahrhaftige Kunst.
D-Movie: Wie sieht's mit der von Euch begründeten neusten Deutschen Welle aus - hat die im weitesten Sinne etwas mit der neuen Deutschen Welle zu tun oder gefiel einfach nur der Name? Wie würdest Du diese Bewegung beschreiben? Im filmwissenschaftlichen Fachjargon.
Dornhöfer: Der neuste deutsche Film macht da weiter, wo der neue deutsche Film Anfang der 1980er Jahre kapituliert hat, bei der Abbildung unserer Gesellschaft. Die Filmemacher von damals sind unsere Vorgänger, werden von uns allerdings weder kopiert, noch übermäßig verehrt.
D-Movie: Du hast nach eigenen Angabe zwischen 1977 und 2003 um die 8.000 Filmen gesehen. Welche waren die miesesten Drei?
Dornhöfer: Ich habe schätzungsweise 12.000 Filme geschaut, ich führe darüber aber genauso wenig Buch, wie über meine sehr sehr jungen Freundinnen. Die drei schlechtesten (Filme), die mir momentan in den Sinn fahren, heißen „Dolphins“ (1999), „Ex Drummer“ und „Making Of Süsse Stuten 7“ (Rechtschreibfehler im Titel inklusive). „Ex Drummer“ ist menschenverachtend und gehört verboten. Angenehm schlecht und deshalb äußerst empfehlenswert ist "Troll 2". Seit Jahren versuche ich ansonsten, an „Mr. Boogie“ mit Big Brother Zlatko zu gelangen. Er soll legendär schlecht sein.
D-Movie: Mir scheint, Du willst den Wahnsinn aufrecht erhalten. Liege ich da richtig?
Dornhöfer: Ich möchte den Wahnsinn weder aufhalten, noch verhindern. Wenn er sich gesellschaftlich manifestiert, wird er von mir abgebildet. Ich bin Chronist, ein teilnehmend beobachtender und weitestgehend wertfreier.
D-Movie: Über 120 Clips, Videos, Kurzfilme, etc. gehen bereits auf Eure Kappe. Jetzt ist die Rede vom ersten Langfilm. Wie lang wird dieser Film und warum wird er "die Welt für immer verändern"? Worum geht's?
Dornhöfer: Es wird der erste abendfüllende Fluxus-Film werden. Fluxus ist, wie jeder weiß, quasi die Fortführung des Dadaismus mit einer Prise Surrealismus. Und ich - und niemand anderes sonst - war es, der den Fluxus im Alleingang wiederaufnahm, versetzte, ihm sozusagen einen postmodernen Umhang umwarf und ihm schließlich durch Stigmatisierung (Neoflux) die Aufmerksamkeit aufnötigte, die er schon früher nicht verdient hatte. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass ich derzeit der wichtigste Fluxfilmer weltweit bin - man wird keine Kunsthochschule finden, die das Gegenteil behauptet. Es geht um alles, um die Existenz, die Wahrheit, die Vergänglichkeit - es wird der perfekte Film. Er wird Tränen der Ehrfurcht treiben in die Augen aller Film-, Fernseh- und Werbenutten und sie und andere zum Umdenken zwingen, er wird die Welt verändern. Wir haben das Werk im Spätsommer 2010 in 29 Tagen in Italien gedreht, keinen Tag Pause, mindestens 16 Stunden am Tag. Es war lebensbedrohlich anstrengend, aber man verändert die Welt eben nicht mit einem lässigen Fingerschnips.
D-Movie: Auf Indie-Stars.de liest man über Dich "Kindheit: Interessant". Was war der Auslöser dafür, dass Du Dich zu dem produktiven Amateurfilmer entwickelt hast, der Du heute bist? Traumatische Ereignisse? Dramatische Wendepunkte in Deinen Jugendjahren? Oder hast Du einfach ne Kamera gefunden und reingequatscht?
Dornhöfer: Es war an der Zeit. An der Zeit etwas zu unternehmen. Filmisch.
D-Movie: Am Beispiel von "Regieanweisung: Präzise" - formulierst Du Deine Ideen aus, oder setzt Du einfach alles, was Dir so in deinen hochbegabten Kopf kommt, direkt um? Schnappst Dir - wie in besagtem Film - ne Kamera, nen Stuhl und ne Flüstertüte und legst los?
Dornhöfer: „Regieanweisung: Präzise“ ist ein denkbar schlechtes Beispiel, um mein kreatives Schaffen zu operationalisieren. Zunächst handelt es sich um ein loses Remake des Films „The Girl Chewing Gum“ des britischen Filmemachers und Kunstprofessors John Smith. Der hat also schon mal die Idee ausformuliert. Ansonsten war hier klar, dass eine relativ beliebige Szene abgefilmt und danach ein Text dazu ersonnen wird, der wiederum, zwischenzeitlich notiert, schön bei der Nachsynchro eingesprochen wird. Das mit dem Regiestuhl, in dem ich sonst nie sitze, war von Anfang an geplant, übrigens auch der geniale Schnitt auf die fahrende Bahn (auf den natürlich keiner achtet). Im Allgemeinen planen wir sehr genau. Ideen werden notiert, zu Treatments, zu Drehbüchern, diese in Szenen aufgelöst, dann wird gedreht. Wer diese Vorgehensweise nicht schnell lernt, der wird es narrativ und auch sonst vermutlich zu nichts außer Lächerlichkeit bringen. Selbst bei akribischster Vorbereitung kann man sich beim Dreh keine Sekunde Nachlässigkeit leisten und keine Sorge: es gibt dennoch genug Fehler, die man dann in der Postproduktion ausbaden darf, Fehler für die man sich immer wieder ohrfeigen sollte, Fehler die allerdings auch Profis jeden Tag machen. Ich stelle diesbezüglich übrigens die Hypothese auf, dass in unseren Filmen durchschnittlich weniger Anschlussfehler zu finden sind als in professionellen Produktionen - ich bin sogar bereit, um Geld zu wetten. Wir machen fast immer alles zu zweit und quasi ohne Geld, das vereinfacht die Sache zwar nicht, aber man lernt unweigerlich etwas übers Filmemachen.
D-Movie: Du nutzt sicher nicht nur das Medium Film, um Deiner Kreativität Ausdruck zu verleihen. Welche Künste sind Dir zu eigen? Und hast Du Dein Lebenswerk schon geschaffen, arbeitest Du noch daran, kommt da noch was, oder pfeifst Du drauf, was der Nachwelt von Dir bleibt?
Dornhöfer: Ich gehöre zur Wissenschaftlerelite dieses Landes, bin Weltklassevideospieler, laufe recht gut Rollschuh, fahre seit 30 Jahren BMX und kenne mich sehr gut mit Essen aus. Ich bin untenrum sehr aktiv, wenngleich mich die jungen Dinger bei diesen Gruppengeschichten schon manchmal überfordern und manchmal denke ich darüber nach, an der Volkshochschule einen Kurs für kreatives Schreiben zu belegen. Alles jedenfalls, was ich bisher in meiner Funktion als Künstler gemacht habe, bezeichne ich maximal als nette Fingerübung für das, was kommen wird. Es ist mir ehrlich gesagt wichtig, dass etwas von mir bleibt.
(das Interview wurde geführt von David J. Lensing, Januar 2011)
