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Die Szene

Dass Film mehr sein kann, als eine solide Mittwochabendplanung oder ein unterhaltsamer Kinobesuch, haben uns Filmemacher wie Hubert Sauper oder Erwin Wagenhofer eindrucksvoll nahe gelegt. Doch auch der Nachwuchs in den Reihen solch engagierter Dokumentarfilmer kann sich sehen lassen - zum Beispiel der studierte Mediendesigner Justin Peach, Träger des deutschen Nachwuchs Filmpreises 2009. Sein Diplom-Dokumentarfilm "Kleine Wölfe" über nepalesische Straßenkinder hat nicht nur auf der "Werkstatt der Jungen Filmszene" in Wiesbaden die Zuschauer begeistert. Dort haben wir den Filmemacher angetroffen und für ein Interview über seine Zeit in Kathmandu gewinnen können.

Kurzer Steckbrief

Name: Justin V. Peach
Geburtsdatum: 02.03.1982
Geburtsort: El Paso, Texas, USA
Staatsangehörigkeit: deutsch / amerikanisch
Website: www.kleinewölfe.de

Filmografie (Auswahl):

"Calvin und Hobbes" (2005)
"Der Goldene Käfig" (2005)
"Die Bunte Liga" (2006)
"Die Beduinin" (2006)
"Nachttanke" (2006)
"Maos 5.000 Meter Traum" (2007)
"Kleine Wölfe" (2009)

- INTERVIEW -

D-Movie: Du bist in Texas geboren, lebst in Deutschland, hast aber auch schon Filme in Jordanien und Tibet gedreht und warst drei Monate in Ecuador - Du bist viel rumgekommen. Warum hast Du Deinen Diplom-Film ausgerechnet in Nepal gedreht?

Peach: Stimmt, ich bin während meines Studiums viel als Backpacker gereist. Es hat irgendwie immer gekribbelt, weit weg zu kommen. Vielleicht weil wir als Familie auch oft umgezogen sind? 2004 hat mich ein Kommilitone gefragt, ob ich mit nach Nepal durch das Himalaja trekken möchte?! Na Klar! Nepal ist ein wunderschönes Land und die Leute haben uns sofort herzlich aufgenommen. Aber Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt. Uns selber haben verschiedene Thematiken interessiert. Von dem maoistischen Bürgerkrieg bis hin zu den Rikscha-Jungs in Katmandu. Straßenkinder hatte ich auch schon oft in anderen Ländern gesehen: Ostblock, Südamerika, sogar auch in Deutschland. Aber diese Straßenkinder hatte ich zufällig länger beobachtet. Sofort hatte ich die Assoziation mit einem Wolfsrudel! Hierarchie, auf Beutezug gehen, balgen … und das hat mich fasziniert. Wie kann man anhand von einer Person auch ein größeres Bild eines ganzen Landes erzählen? Zurück in Deutschland stand mein Diplomantrag an. Für eine Förderung habe ich ein Treatment geschrieben. Bei den drei monatigen Dreharbeiten kam es natürlich ganz anders. Also insgesamt bin ich ein bisschen rückwärts gelaufen: Ich wollte eine Doku drehen. Im Ausland. In Nepal, unter anderem weil es leichte Drehbedingungen gibt. Und schließlich versuchen über eine starke Figur eine größere Geschichte zu erzählen. Das dann alles so kam wie es kam, hat auch viel mit Glück zutun.

D-Movie: Deine Herangehensweise war ziemlich konsequent. Du hast die Kids nicht einfach gefilmt, sondern mit ihnen gelebt - warum hast Du Dich für eben diese Methode entschieden?
Peach: Wir sind keine Streetworker oder Pädagogen. Wir sind Filmemacher. Ich habe vorher keine Ausbildung gemacht, wie man mit drogenabhängigen Kindern umgeht. Mein Ansatz war, die Geschichte, ihre Geschichte, auf „Augenhöhe“ zu verstehen und zu zeigen. Ich finde, ein Dokumetarfilmemacher sollte sich nicht zu schade sein, sich auf eine Ebene mit seinen Protagonisten zu begeben. Nur so können, meiner Meinung nach, echte, authentische und intime Aufnahmen entstehen. Aber diese Arbeitsweise, braucht Geduld und Überwindung. Und man muss aufpassen, dass einen die Geschichte nicht zu sehr mitnimmt. Eine journalistische Distanz muss gewahrt bleiben. Der Journalistische Kodex ist ein guter Anhaltspunkt dafür.

D-Movie: Wie habt ihr die Straßenkinder denn an die Kamera gewöhnt?

Peach: Die ersten zwei Wochen hatten wir keine Kamera dabei. Wir kamen unregelmäßig vorbei, immer mit ein paar lustigen Nepali-Sprüchen auf Lager. Meistens hat es am besten geklappt, wenn wir einen Fußball dabei hatten und gefragt haben, ob sie mit bolzen kommen wollen. Nach ein paar Tagen hat Arnd ein paar Wegwerf-Kameras mitgebracht und die Jungs selber fotografieren lassen. Wir haben dann die Filme entwickelt und die Bilder wieder mitgebracht, das fanden Sie super ... aber auch nur die „Poser“-, und „Rapper“-Bilder. Die Bilder mit Klebertüten haben sie sofort wieder weggeworfen. So nach und nach habe ich dann auch die Canon H1 mitgebracht. Wir hatten meistens einen Regenschutz gegen den Staub in der Luft. Deswegen ist die Kamera gar nicht so aufgefallen. Wir hatten ja Zeit und konnten kommen und gehen, wann wir wollten. Wenn irgendetwas Neues anstand, sind wir einfach mitgelaufen. Meistens haben die Jungs uns einfach rumgeführt. Es ist eine Art Freundschaft entstanden. Ohne Zwang. Mit allem gegenseitigem Respekt. Am Ende war es fast so, als wären wir Teil des Rudels geworden.

D-Movie: Die Dreharbeiten hören sich nach einem harten Unterfangen an. Gab es Momente, in denen Du kurz davor warst, das Vorhaben aufzugeben?

Peach: Nein, aufgeben wollte ich nie! Es gab oft Momente, an denen ich dachte: „Was mache ich eigentlich hier? Sollte ich nicht lieber genau diesen Kinder irgendwie helfen?!“ Ich war mir auch nicht genau sicher, ob aus dem Material überhaupt ein Film entstehen könnte!? Aber zum Glück hat das Team immer zu mir und mich auf Kurs gehalten. Arnd und Seweryn in Nepal und Lisa am Telefon von Zuhause. Schwierige Momente gab es viele. Man kann sich vorstellen, dass wir mit unseren 33 Stunden Rohmaterial nur einen Bruchteil unserer Erlebnisse gefilmt haben. Drogenabhängige Kinder, sexuelle Misshandlungen, Schlägereien ... es gab oft Momente, in denen ich die Kamera weggelegt habe … und schlucken musste … sinnvoll wurde das Projekt erst wieder zuhause nach dem Schnitt. Ich habe noch 100 Seiten Theorie für mein Diplom geschrieben und erst da wurde mir eigentlich erst klar, was wir geschafft hatten. Als wir dann den Deutschen Nachwuchsfilmpreis gewonnen haben und mit dem Preisgeld zwei Jahre danach wieder die Kids besuchen konnten, wusste ich, dass dieses Projekt nicht ganz alltäglich war und immer noch ist …

D-Movie: Warst Du froh, als es "vorbei" war? Beziehungsweise ist es wirklich vorbei, oder hast Du nach wie vor Kontakt zu den Kindern?

Peach: Froh, dass die Dreharbeiten vorbei waren? Nein, Ich hatte ja schon zwei Wochen verlängert und eigentlich wäre ich gerne noch länger geblieben. Ich hatte das Gefühl, dass wir erst jetzt, nach fast drei Monaten, so richtig an die Substanz kamen. Andererseits war ich natürlich auch wieder froh, nach Hause zu meiner Freundin zu kommen und wieder einigermaßen zivilisiert zu leben. Ich hatte Läuse, ein Weisheitszahn musste in Nepal raus operiert werden, weil er sich entzündet hatte und ich hatte extrem abgenommen. Insofern war Deutschland wieder eine echte Wohltat. Zuhause ging es auch erstmal mit der Diplomarbeit, Theorie und dem Schnitt ziemlich stressig weiter. Es hat lange gedauert, bis ich wirklich kapiert habe, was wir da eigentlich gemacht hatten. Ich denke immer noch sehr oft an das Rudel und manchmal bleibt mir ein Schluck Bier im Hals stecken oder ich merke wie mich gewisse, kleinliche Sachen hier in Deutschland aufregen. Wir haben hier ein verdammtes Glück in die Wiege gelegt bekommen und viele wissen das gar nicht zu schätzen (ohne jetzt mit der Moralkeule zu kommen). Mit dem Preisgeld des Nachwuchsfilmpreises sind wir jetzt endlich nach zwei Jahren wie gesagt wieder zu den Kids geflogen. Ich hatte verspochen, ihnen den fertigen Film zu zeigen und mir war auch ihre Meinung echt wichtig! Leider waren wir nur zwei Wochen wieder da. Aber die Kids fanden es super und Sonu hat sich den Film sehr oft angeschaut. Er ist jetzt nicht mehr auf der Straße. Vielleicht hat der Film doch noch zu einem Happy End geführt.

D-Movie: War es leicht, das gesammelte Rohmaterial in Form zu bringen?

Peach: Wir haben ja so grob 33 Stunden Material wieder heim gebracht. Relativ wenig, wenn man die Anzahl der Drehtage bedenkt. Im Schnitt hatten wir weniger Probleme. Ich hatte die Tapes in Nepal schon eindigitalisiert und gut beschriftet. Ich hatte verschiedene Ordner wie zum Beispiel Atmos, Schnittbilder, Interviews und so weiter angelegt. Es war also nicht sehr schwer, alle Szenen wieder zu finden. Die Kunst war es vielmehr eine stimmige Dramaturgie aus den ganzen Situationen zusammen zu stellen.

D-Movie: Wie fiel denn die Resonanz auf den Film aus? Der Nachwuchs-Preis hat euch ziemlich überrascht, stimmt's?

Peach: Ja, mit den Preisen haben wir wirklich nicht gerechnet! Nach Hannover sind wir ziemlich entspannt hingefahren, um auch ein bisschen als Team zu feiern. Keiner der Mannschaft hatte eine Gage bekommen, da dachte ich eine Reise mit Hotel in Hannover wäre ganz nett. Die Resonanz auf den Film vor Ort war dann ziemlich gut, so dass wir insgeheim mit einer lobenden Erwähnung gerechnet hatten … dass wir dann erst ganz am Schluss als Gewinner des Nachwuchs Filmpreises aufgerufen wurden, hat uns total überrascht … Seweryn kam noch ganz verpennt in den Kinosaal rein gestürmt. Ich war schon sehr zufrieden mit dem Film. Aber viele große Festivals haben uns nicht ins Programm genommen. Wir wussten nicht genau, wo wir standen. Ich denke, es gehört in dieser Branche auch viel Glück dazu. Was Kritik angeht: Inszenierungs-Vorwürfe gab's bei unserem Dokumentarfilm eigentlich nie ... manche Zuschauer dachten, wir hätten den Jungs Geld gegeben. Aber das waren nur vereinzelte, die wahrscheinlich gar nicht genau wissen, wie solche Bilder entstehen können. Kritik gibt es immer. Und dass ist gut so. Mir gefallen auch nicht alle Filme. Das wäre ja zu krass, wenn wir alle denselben Geschmack hätten.

D-Movie: Würdest Du so ein Projekt noch einmal durchführen, oder war das Dein "Everest" und jetzt steht erstmal was Fiktionales an?

Peach: Fiktionale Ideen gehen mir immer wieder durch den Kopf. Aber ich denke, meine Stärken liegen ganz klar im Dokumentarischen und vielleicht sogar eher bei den schwierigen Themen. Sei es inhaltlich oder in der Umsetzung schwierig, weil weit weg oder wegen widrigen Verhältnissen. „Kleine Wölfe“ hat mich sehr geprägt. Ich bin nach diesen drei Jahren ein anderer Mensch. Ich hätte nie gedacht, was aus dieser Idee dann alles passieren würde. Natürlich habe ich den Anspruch, auf diesem Niveau weiter zu machen. Mal sehen, was so die Zukunft bringt!

D-Movie: Ist Film für Dich in erster Linie ein Mittel, um Zuschauern die Augen zu öffnen und sie auf Missstände aufmerksam zu machen, oder schätzt Du das Medium auch als Kunstform und Unterhaltung?

Peach: Die Mischung machts! Kunstform, Bildung und Unterhaltung, um es salomonisch zusammenzufassen! Filme können Horizonte, Hoffnungen, Fantasie, Einblicke, Verständnis wecken … wie traurig wäre es, wenn es „nur“ Dokumentarfilme gäbe. „Nur“ die Realität auf Bildern. Wie schlimm, wenn Fantasie und Witz verloren wären. Ich liebe fiktionale Filme. Ich liebe gelungene Dialoge. Es gibt einige Spielfilm-Regisseure, die ich für Genies halte. Ich habe nur für mich festgestellt, dass meine Stärken in der Suche nach „Echtheit“ liegen. „Brot und Spiele“, seichte Unterhaltung gehört aber genauso zu meinem Leben. Mann muss sich immer kulturell weiter entwickeln. Und dazu zählt für mich die Kunst des Filmemachens fast schon als Königsdisziplin. Wo wird sonst die Kunst des Schreibens, der Fotografie, der Musik und der Dramaturgie so gut vereint?

(das Interview wurde geführt von David J. Lensing, Juni 2010)