Mit dem Vorurteil, die Zocker-Gemeinde sei ein nerdiges Keller-Volk, sei entgültig aufgeräumt - dank eines Films, der eben genau dieses Klischee auskostet, nein, feiert: "A Gamer's Day" heißt der Streifen über einen Vollblut-Zocker, der den Tag zur Nacht und die virtuellen Spiele für eröffnet erklärt. Warum eben dieser Film aus dem Jahre 2005 besagtes Vorurteil nicht nur zelebriert, sondern aus den Angeln hebt: Er wurde von einem Gamer gedreht! Obwohl man Daniel P. Schenk nicht auf seine Faible für Games reduzieren sollte - das Multitalent studiert inzwischen Film am SAE Institut Köln, denn seine wahre Leidenschaft gilt dem Geschichten erzählen: Ob mit Stift oder Kamera, Daniel ist jedes Medium recht, um seine Fantasie für Dritte greifbar zu machen. Wir haben dem Macher des Szene-Klassikers "A Gamer's Day" ein paar Fragen gestellt.
Kurzer Steckbrief
Name: Daniel P. Schenk
Geburtsdatum: 16.04.1984
Wohnhaft: Köln
Website: www.danielpschenk.com
Follow him: Facebook / Twitter
Filmografie:
"A Gamer's Day" (2005)
"The Cheat Report" (2006)
"EES' No, No, NO!" (2009)
"Wimpernschlag" (2009)
"The Next Level" (2010)
"Yes-Ja, the Kwaito Documentary" (2010)
- INTERVIEW -
D-Movie: "A Gamer's Day" ist eine Hymne ans Zocken, wie sie eigentlich nur ein leidenschaftlicher Zocker kreieren kann. Ist das der Fall?
Schenk: Ich habe mich schon immer als Gamer mit Leib und Seele verstanden. Es kann durchaus sein, dass mich das Medium "Game" in einigen entscheidenden Kindheitsjahren stärker geprägt hat als die Medien "Film" und "Buch" zusammen. Als Kind war ich Hardcore-Konsolen-Zocker und kam deswegen sogar mal in eine schulischen Bredouille. Das war lange, lange vor meiner Zeit als Film- und Buchschaffender. Counter-Strike war für mich deswegen spannend, weil es die Online-Gaming Zeit einläutete. Das begann schon auf LANs - wow, jeder hat seinen eigenen Bildschirm! - und ging dann mit ISDN aufs nächste Level. Wow, jeder sein eigenes Zimmer! Richtig leidenschaftlich habe ich das Spiel aber selten gezockt. Ich glaube, das soziale Event überwog mir das Gameplay. So kommen wir auch zum Grund, wieso dieser Film gedreht wurde: Ich lernte übers Zocken Alex Roth kennen, heute als "the Gamer" bekannt, und wollte mit ihm eine Bewerbungsarbeit für Filmhochschulen drehen. Denn ich war zu der Zeit schon kurz aus der Schule raus und spielte mit dem Gedanken, Regisseur zu werden. Wir haben anderthalb Jahre gefilmt, etwa 1000 Euro aus eigener Tasche reingesteckt und waren die meiste Zeit nur von ein bis zwei Freunden am Set begleitet. Was uns an Ressourcen fehlte, haben wir durch Zeit kompensiert.
D-Movie: Die Zielgruppe dieses Film sind Leute, die viel Zeit im Netz verbringen - und solche sind ja um Feedback bekanntlich nicht verlegen. Was für Reaktion hast du auf diesen Film bekommen?
Schenk: Das Feedback war phänomenal positiv. Ich bekam jeden Tag dutzende E-Mails, zahllose Foren füllten sich mit Resonanz, die Downloadzahlen schossen in die Höhe. Nie zuvor und nie mehr danach habe ich so eine einhellige, umfassende Meinung zu meiner Arbeit vernommen. Ob ich etwas anders machen würde... Steven Spielberg sagte mal, dass es nur ganz wenige seiner Filme gäbe, die er sich später entspannt anschauen könne, ohne an sich selbst herumzukritisieren. "Indiana Jones 1" sei so ein Film. Ja, und bei mir ist das "A Gamer`s Day" - ich würde den Film heute insgesamt wahrscheinlich nicht mehr drehen, deswegen bin ich froh, es damals getan zu haben. Und da sehe ich jeden Shot als genauso geartet, wie er arten musste. Ich finde ihn auch nicht zu langatmig, denn das ist das, was ihm mehrmals vorgeworfen wurde.
D-Movie: Du filmst nicht nur, sondern schreibst auch leidenschaftlich gern - wie sieht's mit deiner Website aus, hast du die ebenfalls selbst entworfen? Woher rührt so viel kreatives Potential?
Schenk: In der Tat habe ich die Website selbst kreiert. Zu dem Zwecke habe ich mich erstmal zwei Jahre in das verflixt schwere "Typo3" Content Management System eingearbeitet... ich habe ein Logo entworfen... eine Photosession gemacht... und dann ein schickes Design in After Effects (nicht Photoshop!) gebastelt. Angefangen mit dem Erschaffen eigener Werke habe ich schätzungsweise mit 12. Zunächst Kurzgeschichten... dann bekam ich zu meinem 14. Geburtstag ein Pen&Paper Rollenspielset geschenkt... dann baute ich mir selbst Pen&Paper Rollenspiele zusammen... dann schrieb ich mit 15 meine Kurzgeschichtensammlung "Underworld" - und bin seitdem irgendwie immer dabei. Der Antrieb ist schwer zu benennen. Es sprudelt aus mir heraus, seit ich denken kann. Daher fühle ich mich auch überhaupt nicht sentimental, wenn ich sage, ich bin zum Geschichtenerzählen auf dieser Welt. Mein Slogan Dedicated Storytelling rührt genau daher. Ich spüre einen ganz starken Sinn in meinem Leben, und dafür darf ich mich sehr, sehr glücklich schätzen.
D-Movie: Dein Kurzfilm "Wimpernschlag" zeugt schon von professionellerem Equipment - welche Mittel standen dir zur Verfügung? Fühlst du dich zuweilen durch zu wenig Ausrüstung eingeschränkt?
Schenk: "Wimpernschlag" hatte ein Budget von 1000 Euro. Die Kamera und das Licht waren grösstenteils von meiner Schule gestellt, dem SAE Institut Köln. Den für die Bildgestaltung sehr wichtigen Dolly und ein wenig zusätzliches Equipment haben wir uns zu einem Sondertarif von CineGate geliehen, ein professioneller Filmverleih. Manchmal ärgere ich mich schon, technisch so begrenzt zu sein. Meistens suche ich aber Konzepte, die sich genau mit den zur Verfügung stehenden Mitteln umsetzen lassen. "A Gamer's Day" spielt nicht umsonst in einem einzigen Zimmer und hat nur einen wichtigen Schauspieler. "The Cheat Report" war nicht umsonst als eine Doku aufgemacht, die wegen ihrem authentischen Look gewisse Patzer in Bild- und Tonqualität verzeiht. Oder mein Musikvideo zu "EES` No, No, No": Der Künstler rennt dort durch die Stadt und inszeniert sich mit der Kamera selbst. Er schmeisst sie durch die Gegend, stellt sie auf Autos drauf, hält sie in der Hand. Das taten wir, weil mir EES sagte, wir hätten null Euro Budget. Nicht sehr viel. Da muss man einfallsreich werden.
D-Movie: Schreibst du, um zu filmen, oder filmst du, weil du keinem anderen die Adaption deiner Werke zutraust? Was fasziniert dich am Medium Buch, Drehbuch oder Film so sehr, dass du so viel Herzblut in die Sache steckst?
Schenk: Als ich meine Kurzgeschichten "Underworld" schrieb, tat ich das noch, weil ich nicht in der Lage war, sie zu drehen. Da ersetzte das Schreiben den Filmprozess. Mittlerweile habe ich die unterschiedlichen Qualitäten der Medien zu schätzen gelernt. Du kannst eine Geschichte in Schriftform ganz anders erzählen als im Film. Das macht Spaß. Im Buch gehst du in die Charaktere rein; du kannst Nicht-Handlung thematisieren und durch Metaphern und Sinnbilder eine Welt malen, deren Inhalt und Form verschieden sind. Der Film hingegen hat das beste Preis-Leistungsverhältnis. Für nur zwei Stunden Lebenszeit kriegst du eine gigantische Fülle an Eindrücken und Story vermittelt. Außerdem ist er sozialer; man kann eine Geschichte gemeinsam erfahren. Mehr gefallen tut mir immer das, was ich gerade nicht mache. Arbeite ich an einem Film, sehne ich mich nach dem nächsten Text und umgekehrt. Drehbücher sind für mich nur Mittel zum Zweck, ich akzeptiere sie nicht als eigenständige Kunstform. Daher fällt es mir auch schwer, fremde Drehbücher zu verfilmen. Wenn du den vollen Credit für dein Filmwerk bekommen möchtest, finde ich, solltest du auch die Geschichte selbst entworfen haben. Ob ich also filme, schreibe, oder ein Drehbuch entwerfe - alles mündet im Ziel, eine Geschichte zu erzählen.
D-Movie: Wie viel kannst du über dein aktuelles Projekt verraten? Laufen bei dir mehrere Sachen gleichzeitig oder konzentrierst du dich immer voll und ganz auf ein Projekt?
Schenk: Ich befinde mich momentan in der Vorproduktion meines ersten Spielfilms, den wir im Sommer 2010 drehen werden. Es wird ein subtiler Psycho-Horror Film. Gleichzeitig schreibe ich an meinem nächsten Roman, einem rasanten, modernen Märchen. In meinem Kopf laufen gleichzeitig fünf andere Projekte ab, die haben aber Umsetzungsverbot, d.h., denken ist erlaubt, aufschreiben nicht. Wenn ich eine Empfehlung aussprechen müsste, würde ich natürlich raten, sich immer auf ein Projekt alleine zu konzentrieren. Kann ich aber nicht, und so ist es auch immer gewesen. Man muss dann nur aufpassen, kein Projekt fallen zu lassen. Du kannst Projekte gerne einfrieren oder verlangsamen, aber wenn du sie einmal abbrichst, brichst du sie immer ab. Du musst vor dir selbst glaubwürdig bleiben und sagen: "Was ich anfange, beende ich auch!" Gerade jetzt habe ich zum Beispiel meinen Roman eingefroren, weil der Film immens viel Zeit einfordert.
D-Movie: Stichwort Traumprojekt: Irgendeine Filmförderanstalt hat deinen neusten Film gesehen, ist begeistert, und stellt dir ein fettes Budget mit völliger Handlungsfreiheit zur Verfügung - was dürfte man von dir erwarten?
Schenk: Ich würde in dem Fall die Hypothese anders aufstellen: Ein Hollywoodstudio ist von meiner Arbeit begeistert und gibt mir Handlungsfreiheit und ein Blockbuster Budget. In der Tat habe ich ein Projekt, was ich dann realisieren wollte. Eine düstere Sci-Fi Trilogie, die ich schon seit meinem sechszehnten Lebensjahr entwickle. Vom Feeling her würde ich "The Dark Knight" referenzieren. Epische Action, ein düsteres Setting, eine clevere Story und tiefgängige Charaktere. Das wird wohl noch 20 Jahre Karriere dauern. Ich plane aber, diese Trilogie zuerst als Romane zu veröffentlichen, insofern kommen Interessierte schneller in den Genuss der Story. Grundsätzlich definiere ich mich aber durch mein breites Spektrum. Wie Kubrick würde auch ich gerne am Ende meines Lebens jedem Genre einen angemessenen Film geschenkt haben. Hey, du hast mich nach meinen Träumen gefragt!
(das Interview wurde geführt von David J. Lensing, Mai 2010)
