<< Benjamin Teske
Die Szene

Mit über den Daumen gepeilt 80.000 Einwohnern ist Bocholt nunmal keine Weltstadt - trotzdem offenbar groß genug: Wenn zwei Amateurfilm-Crews hier parallel ihr Unwesen treiben, ohne voneinander zu wissen, ist es an der Zeit, von einer Großstadt zu sprechen. Erst dank Christian Zehetmeiers Gästebucheintrag auf unserer Website wurden wir auf die Premiere des Streifen "Tales of Death" - made in Bocholt - aufmerksam und waren Anfang September mit am Start. Um uns den Film anzusehen und den Macher zu interviewen, denn: Christian Zehetmeier wohnt inzwischen in Ludwigsburg, um an der Filmakademie zu studieren! Mal sehen, wie sich ein waschechter Bocholt-Export in der Filmbranche macht.

Kurzer Steckbrief

Name: Christian "Chan" Zehetmeier
Geburtsdatum: 09.05.1990
Wohnhaft: Ludwigsburg / Bocholt
Website: Youtube-Channel

Filmografie:

"The Serum" (2008)
"Der Alltag eines Image-Makers" (2009)
"Der Umbruch" (2010)
"Tales of Death" (2010)

- INTERVIEW -

D-Movie: Ihr habt sehr lange an "Tales of Death" gearbeitet. Wer gehörte zur "festen Crew" und wie waren die Aufgaben verteilt?

Chan: Ja, wir haben wirklich lange an „Tales of Death“ gearbeitet. Die Story haben wir im Februar konzipiert und der erste Dreh war im März – Im Jahr 2009. Ursprünglich war der Film für den Abiball als krönender Abschluss vorgesehen, allerdings mussten ständig Drehtermine verschoben werden, weil jemand kurzfristig abgesagt hat. Einige Szenen mussten sogar komplett neu mit anderer Besetzung aufgenommen werden. Die Planung war verdammt hart! Die Aufgaben zwischen dem Kern der Crew bestehend aus Simon Heitmann und Gerrit Schröder und war nicht wirklich fest. Simon ist hauptsächlich für Post-Produktion zuständig gewesen, Gerrit für Kamera und ich dann Regie und Planung. Allerdings hat jeder von uns fast überall seine Finger im Spiel! Die eigentliche Post-Produktion ging erst im Dezember los. Es gab nur ein paar kleine Szenen, die schon vorher geschnitten wurden, um Leuten einige Previews zeigen zu können.

D-Movie: Und wie liefen dann die Vorbereitungen zur Premiere?

Chan: Als der Film endlich fertig war, haben wir verzweifelt nach einem Ort für die Premiere gesucht. Ursprünglich wollten wir die Vorführung im Freischwimmer Bocholt machen, allerdings machte er zwei Wochen nach der Fertigstellung dicht. Für viele Locations war eine kurzfristige Vorführung nicht möglich. Irgendwann kam dann der Vorschlag von einer Freundin bei der Vereinskneipe Lowick nachzufragen – die haben direkt zugesagt und die Premiere war sicher! Dann konnten wir auch endlich den Trailer veröffentlichen, es gab aber keine riesige Promo-Aktion. Im Großen und Ganzen wollten wir die Premiere im engen Kreis machen, die Hauptsache war, dass aber genug Leute kommen! Und das hat gut funktioniert! In der Nacht vor der Premiere konnte ich nicht schlafen, weil ich so aufgeregt war. Jetzt im Nachhinein muss ich sagen, dass ich mehr als zufrieden bin!

D-Movie: Rückblickend die Filme "Tales of Death" oder auch "Der Umbruch" betrachtet: Aus einiger, zeitlicher Distanz wird der Blick aufs eigene Werk ja schnell mal selbstkritisch. Was würdest du heute anders machen als zur Zeit der Dreharbeiten?

Chan: Das stimmt, schon bevor „Tales of Death“ fertig war, haben wir etliche Filmfehler entdeckt, einige sind sogar ziemlich witzig! Ich denke aber, dass ich nicht viel anders machen würde, nur, dass wir noch viel mehr Planen müssen. Auf der anderen Seite find ich, dass wir an einigen Stellen wirklich gut improvisiert haben. Das Gute dabei ist ja, dass man eine Entwicklung sehen kann, wie wir uns verbessert haben. Wenn man „The Serum“ mit „Tales of Death“ vergleicht, kann man die Entwicklung ganz gut sehen!

D-Movie: Du studierst jetzt Visual Effects. Wie hast du dein Faible für dieses ziemlich spezielle Fachgebiet entdeckt? Im Abspann zu "Tales of Death" ist nichts von After Effects gelesen - hast du mit anderen Programmen gearbeitet?

Chan: Ich wollte eigentlich immer was Cooles machen. Als Kind wollte ich Videospieleprogrammierer werden. Als ich mich damit beschäftigt habe, erkannte ich schnell, dass es doch nichts für mich ist. Dann suchte ich irgendwas im Bereich Musikproduktion. Allerdings muss man mehrere Instrumente perfekt beherrschen. Zwar kann ich mit fünf Instrumenten umgehen, dafür mit allen bei weitem nicht gut genug für ein Studium. Als nächstes driftete ich in die Filmszene. Das geschah ganz von selbst als Simon und ich angefangen haben, unsere Projekte in der Schule in Form von Kurzfilmen/Clips zu produzieren. Und da erkannte ich, dass es das ist, was am meisten zu mir passt. Und Visual Effects haben mich schon immer begeistert. Oft schaue ich mir Szenen in Zeitlupe an um zu sehen, wie einige Effekte gemacht wurden. Es ist schon wie Zauberei! Bei „Tales of Death“ haben wir übrigens mit Adobe After Effects gearbeitet. Wir haben im Abspann nur „Adobe“ angegeben, weil wir noch mit Premiere Pro gearbeitet haben. Ansonsten wurde Sony Vegas für die Soundaufnahmen benutzt. Für die ganzen VFX Künste bei „Tales of Death“ war übrigens Simon komplett verantwortlich, weil er die meiste Erfahrung hat und sein PC viel schneller arbeitet als mein Notebook. Ich spar aber jetzt schon Geld für einen Rechner, damit auch ich effizient mit After Effects arbeiten kann!

D-Movie: Bei WMTV hast du ein langes Praktikum absolviert. Was reizt dich mehr - Film oder Fernsehen?

Chan: Ich war über ein halbes Jahr bei wm.tv. Es war eine echt schöne Zeit, wo ich mich kreativ austoben konnte. Als im Januar meine Sendung „Der Tag bei wm.tv“ startete, musste ich schnell feststellen, dass man viel sich aber nicht Zeit für Feinheiten lassen kann. Denn es musste ja jeden Tag eine knappe halbe Stunde produziert werden. Da ich aber auf meine Effekte nicht verzichten wollte, musste ich 9-10 Stunden arbeiten – und das ohne Lohn in den ersten Monaten. Ich habe auch schon von anderen Leuten gehört, dass im deutschen Fernsehen mehr auf Quantität als auf Qualität geachtet wird (man merkt es teilweise auch selbst, wenn man durch die Kanäle zappt). Das finde ich schade. Deshalb reizt mich die Filmproduktion mehr – weil sie in einem gewissen Rahmen freier ist. Es gibt aber auch TV-Produktionen, die echt gut sind!

D-Movie: Und wieder zu "Tales of Death", deinem jüngsten Werk: Gab es ein festes Skript? Wer hatte überhaupt die Idee zu der Story?

Chan: Die Story wurde von Gerrit, Simon und mir geschrieben. Sie kam fast wie von selbst zustande. Wir wollten einen Film mit vielen Leuten machen. Da eignet sich ein Krimi wegen den Toten und den Verdächtigen. Auf die Idee mit der Fabel sind wir spontan gekommen. Die Dialoge sind nur teilweise notiert um zu vermeiden, dass die Leute mehr auf den Text achten als auf alles andere und es dann zu gekünstelt aussieht. Die besten Sprüche waren aber spontan. Martin und Alex haben als Cops echt eine Glanzleistung abgeliefert!

D-Movie: Zuletzt ein paar Worte zum angenehmen Maß an Ernstlosigkeit in eurem Film. Ihr habt ja genug Klischees versammelt, um "Tales of Death" quasi als Parodie aufs Krimi-Genre geltend zu machen.

Chan: Ich glaube, dass Klischees ganz von selbst kommen. Filme in einem Genre haben oft einen sehr ähnlichen Ablauf und so entstehen die Klischees. So gibt es zwischen vielen Zombiefilmen keinen allzu großen Unterschied. Allerdings find ich, dass man gerade bei Low-Budget-Produktion mehr darauf achten soll, dass der Film lustig wird, weil ansonsten die Gefahr besteht, dass er am Ende total uninteressant wird. Außerdem liegt es uns mehr, lustige Filme zu produzieren!

D-Movie: Unbegrenztes Budget und kreative Freiheit: Welche Art von Traumprojekt schwebt dir vor?

Chan: Im Moment sammle ich schon Ideen für drei Projekte. Ich weiß noch nicht, ob sie am Ende realisiert werden, zu denen möchte ich noch nichts sagen! Allerdings macht es mir enorm viel Spaß, mit meinen Freunden Filme zu machen. Klar werd ich irgendwann mit professionellen Schauspielern zu tun haben, aber das ist etwas anderes und darüber werde ich mir erst später Gedanken machen. Ansonsten würde ich in Zukunft mal einen Zombiefilm machen, der sich von allen anderen unterscheidet. Außerdem einen Film mit dem allerbesten visuellen Effekten, die es je gab und ich hab mir als Ziel gesetzt, einen eigenen Transformer zu kreieren – und das alles in 3D oder sogar in 4D!

(das Interview wurde geführt von David J. Lensing, September 2010)