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Die Szene

In Rostock und Wiesbaden sind wir über ihn gestolpert. Nur zwei von vielen Filmfestivals, die Benjamin Teske mit seinen Kurzfilmen in diesem Jahr abfeierte. Der angehende Regisseur mit bayerischen Wurzeln hat vor kurzem ein Filmstudium in Hamburg begonnen. Bevor er groß rauskommt (diese Annahme begründen wir mit seinen beeindruckenden Filmen!) haben wir das Gespräch gesucht und viele, viele interessante Antworten eines Mannes bekommen, dem die Filmbegeisterung quasi in die Wiege gelegt wurde.

Kurzer Steckbrief

Name: Benjamin Teske
Geburtsdatum: 17.04.1983
Herkunft: Aschaffenburg
Website: www.daskindmitdergoldenenjacke.de

Filmografie:

"Try A Little Tenderness" (2009)
"Rummel" (2010)

- INTERVIEW -

D-Movie: Beginnen wir mal mit Deinem älteren Filmprojekt "Try A Little Tenderness" - dieser Film basiert auf der Geschichte eines französischen Autors und ist mit dem titelgebenden Song untermalt. Welche Anstrengungen hast du unternommen, um Dir die entsprechenden Rechte zu sichern?

Teske: Hinter "Try a Little Tenderness" steht die französische Kurzgeschichte "Un peu de tendresse" von Martin Page. Diese hatte ich 2007 das erste Mal gelesen und fand sie großartig, weil sie sofort Bilder in meinem Kopf entstehen ließ. Ich schlug meiner Kamerafrau Constanze Schmitt vor, daraus einen Kurzfilm zu machen. Unsere Vorgabe in der Uni (damals Beuth Hochschule für Technik, „Audiovisuelle Medien/Kamera“, 3. Semester) war, einen szenischen Kurzfilm zu drehen. Der deutsche Verlag stellte Kontakt zu Martin Page her. Er fand unsere Idee toll und erlaubte uns, seinen Text zu verwenden. Ich habe mich auch sehr nah an das Original gehalten, als ich die Geschichte adaptierte, da das schon sehr filmisch war und ich den vorgegeben Stil mochte.
Dann gab es noch den gleichnamigen Song von Otis Redding. Musikrechte im Film sind eine sehr nervige Angelegenheit, weil es verschiedene Rechteinhaber gibt. Auf jeden Fall konnte ich mich mit dem Musikverlag darauf einigen, die Rechte für die nicht-kommerzielle Verwertung auf Festivals für ein bisschen Geld zu bekommen. Ich finde, bei Kurzfilmen sollte das nicht so streng geregelt sein mit den Musikrechten, da man in seltensten Fällen mit einem Kurzfilm Geld verdienen kann.

D-Movie: Unter anderem Adolfo Assor ("Zeiten ändern dich") und Cosma Shiva Hagen ("Die Aufschneider") standen für Dich vor der Kamera. Hast du zum ersten Mal mit professionellen Schauspielern gearbeitet – und wie lief diese Zusammenarbeit? Inwiefern hat Dich dieses Filmprojekt in Deinen Fähigkeiten als Regisseur gefordert und gefördert?

Teske: "Try a Little Tenderness" war unser erster eigener professioneller Filmdreh. Natürlich haben wir davor schon einige Kurzfilme gemacht und bei diversen Projekten mitgearbeitet, das hatte aber einen ganz anderen Umfang. Bei "Try a Little Tenderness" haben wir auch zum allerersten Mal mit Profis vor der Kamera gearbeitet. Adolfo und Cosma sind zwei sehr erfahrene Schauspieler. Ich hatte natürlich unheimlich viel Respekt. Man hofft, von ihnen als "Neuling" ernst genommen zu werden. Constanze und ich haben uns da einfach reingestürzt und gemacht. Irgendwann ist das Projekt sehr groß geworden. Wir haben von der Vorproduktion, dem Casting, Drehbuch schreiben, Dispos erstellen, Technik buchen, Sponsoren anfragen, Catering organisieren und, und, und fast alles selbst gemacht, auch weil wir keinen guten Produzenten finden konnten. Viel später haben wir dann entsprechend Leute mit in die Produktion geholt.
Und sobald man dann mit dem Dreh beginnt, hat man schon so viel Energie aufgebraucht, dass man seiner Aufgabe, in meinem Fall dem Regie führen, nur noch mit sehr viel Anstrengung gerecht wird. Und wenn du dich dann nebenbei noch um das Catering kümmern musst, hält dich das von deiner eigentlichen Arbeit ab. Du wirst nicht nur als Regisseur gefördert und gefordert, sondern in allen Bereichen. Ich habe bei diesem Dreh so viel gelernt, wie noch nie zuvor, in keiner Vorlesung in der Uni.

D-Movie: Wie siehst Du Deine Funktion am Set, bzw. wie viel Kompetenzen willst Du als Regisseur unter einen Hut bringen? Hast Du Deine Finger lieber überall im Spiel, oder weißt Du Aufgabenbereiche auch klar abzugrenzen?

Teske: Ich denke, bei mir läuft schon sehr viel zusammen. Am liebsten bin ich von Anfang an bei einem Projekt dabei. Also schon beim ersten Schritt, der Stofffindung und der Entwicklung des Drehbuchs. Damit meine ich nicht, dass ich das Drehbuch zwangsläufig selber schreiben muss. Meine Vorstellung vom Filmemachen geht allerdings weit darüber hinaus, nur eine Funktion zu haben. Da ich ein sehr visuell denkender Regisseur bin, ist mir z.B. die Auflösung des fertigen Drehbuchs in Bildern zusammen mit meiner Kamerafrau auch ein sehr wichtiger Schritt. Hier wird schließlich sehr viel entschieden, was den später fertigen Look und Stil des Films angeht. Dabei sollte natürlich nie die Schauspielführung vergessen werden. Film ist zu einem Teil sehr technisch. Aber man muss versuchen, den Schauspielern so viel Freiraum wie nur möglich zu geben. Proben und gemeinsam an den Figuren arbeiten ist einer der wichtigsten Punkte. Wenn die Geschichte gut ist und die Arbeit mit den Schauspielern stimmt, dann steht die Grundlage. Erst dann kann man alles andere drum herum bauen. Aber dann möchte ich, dass auch die Kulissen, die Kostüme, die Requisiten, alles andere eben, auch passt. Man muss natürlich auch Verantwortung an die anderen Bereichen abgeben können. Das natürlich immer in Form einer Zusammenarbeit. Und so entwickelt sich dann vielleicht eine Handschrift. Ich glaube, dass das automatisch passiert. Man hat eben seine eigene Art als Person und das fließt alles in ein Projekt mit ein, da kann man sich gar nicht dagegen wehren.

D-Movie: Schon ein Jahr vor "Try a little Tenderness" hast du mit ein paar "Verrückten" von der Beuth Hochschule für Technik eine Produktionsfirma mit dem Titel „Das Kind mit der goldenen Jack“ gegründet. Warum erstens heißt das Label so und zweitens: Was hat es damit auf sich? Welche Rolle spielst du in diesem Konstrukt und welche Ziele habt ihr?

Teske: Die Gründungsmitglieder vom KIND MIT DER GOLDENEN JACKE sind Esther Bialas, Nathan Nill, Maxim Kuphal-Potapenko, Constanze Schmitt und ich. Nach einigen Semestern des gemeinsamen Studierens in Berlin haben wir festgestellt, dass wir, was das Filmemachen angeht, gut zusammenpassen und gleiche Vorstellungen und Ziele haben. Wir alle haben die gleiche Rolle, wir sind gleichwertige Teammitglieder. Im Moment ist es so, dass wir vier Regisseure und eine Kamerafrau sind. Wenn es um klassische Departementaufteilung geht, dann bin ich in erster Linie natürlich Regisseur und ich entwickle Stoffe.
DAS KIND MIT DER GOLDENEN JACKE fasst als Namen unsere Truppe ziemlich gut zusammen. Von jedem von uns steckt etwas drin und es ist eben das Kind von uns allen. Und das Kind hat eine goldene Jacke an. Es wurde angeblich auch schon öfter gesichtet. Manch einer hat es in Reutlingen gesehen, andere wiederum in Bamberg und in vielen anderen Orten auf der ganzen Welt. Ich würde auch sagen, dass das Team mittlerweile größer geworden ist, da wir regelmäßig mit gleichen Leuten zusammenarbeiten, wie z.B: mit Florian Mag, einem weiteren Kameramann, Henrike Dosk, die schon beim dritten Projekt als Cutterin dabei ist, oder Ute Hintersdorf, die unsere Plakate gestaltet. Und die sind natürlich auch ein Teil vom KIND. Wir fünf sind alle sehr unterschiedlich, was die Art angeht, Filme zu machen und Stoffe zu erzählen und alle haben auch eine unterschiedliche Herangehensweise. Das ist toll, weil es eine große Bandbreite schafft und an manchen Stellen zur nötigen Reibung führt. Esther hat einmal schön formuliert und gesagt, dass DAS KIND MIT DER GOLDENEN JACKE eigentlich wie eine Familie ist. Wir alle wollen Filme machen und unterstützen uns gegenseitig dabei. Wir beraten uns und stehen einander bei.

D-Movie: Zuletzt entstand "Rummel" - ein Film über das Auf und Ab einer Beziehung - wortwörtlich, denn die Handlung spielt in diversen Karussellen. Klingt nach turbulenten Dreharbeiten. Wie liefen diese ab?

Teske: "Rummel" wurde gedreht im letzten Jahr auf drei verschiedenen Rummelplätzen in Berlin und Hamburg. Fertig gestellt wurde er dieses Jahr im Januar und feierte seine Uraufführung in Saarbrücken beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis und er lief unter anderem auch in Rostock. Die Dreharbeiten waren wirklich verrückt. Da wir so gut wie kein Budget hatten, mussten wir versuchen, ohne Geld auszukommen und möglichst viel umsonst zu organisieren. Ich konnte Canon für das Projekt begeistern, die uns dann eine Kamera und Objektive zur Verfügung gestellt haben. Auf einem Rummelplatz Drehgenehmigungen zu bekommen ist äußerst schwierig bis unmöglich. Es gab einige Probleme, die man im Vorfeld abarbeiten musste: Wie lösen wir das technisch mit der Kamera und mit dem Ton? Welche Fahrgeschäfte eignen sich am besten? Finden wir Schauspieler für so ein Projekt?
Der Film sollte im Dunkeln spielen, es war allerdings Hochsommer, was bedeutet, dass es erst gegen 22.15 Uhr dunkel wird. Die Rummelplätze schließen unter der Woche allerdings schon um 23 Uhr. Reicht die Drehzeit aus? Wir entschieden uns mit einer möglichst kleinen Kamera zu drehen, um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf uns zu ziehen, da die einzelnen Fahrattraktionen nicht speziell für uns geschlossen wurden, sondern wir nur während des normalen Betriebs drehen durften. Mit meinem Kamerateam entschieden wir uns dagegen, die Kamera an den Fahrgeschäften zu befestigen, da ich es nicht mag, wenn die Kamera die gleichen Bewegungen macht wie z.B. der Wagen in dem die Schauspieler sitzen sollten. Nach den ersten Testdrehs stellten wir fest, dass Constanze und Florian in allen gewählten Fahrgeschäften rückwärts oder halb rückwärts mitfahren und alles aus der Hand filmen konnten. Janna Horstmann hab ich das erste Mal in Berlin im Theater auf der Bühne gesehen. Ich wusste sofort, dass ich mal mit ihr zusammen arbeiten möchte, da sie genau den Wahnsinn besaß, den man für so eine Rolle braucht. Ihr Freund wird gespielt von Axel Hartwig. Ihn sah ich in dem Kurzfilm „Kalt ist der Osten“. Beide hatten während des Drehs wirklich gute Einfälle und die Zusammenarbeit hat riesigen Spaß gemacht. Nachdem „Try a little Tenderness“ ein relativ aufwändig produzierter Film war, beschlossen wir außerdem, auf alles, was möglich war, zu verzichten. Wir hatten keine Autos um die Darsteller ans Set zu fahren, es gab keine Maske, kein Catering. Wir fuhren immer alle zusammen gemeinsam mit der U-Bahn zu den Drehorten. Es war großartig zu sehen, dass ein Filmdreh auch so funktioniert. Insgesamt waren am Set immer ca. sechs bis sieben Personen dabei. Die Schnittphase danach war auch sehr zeitintensiv, da es sehr viele Möglichkeiten bei der Montage gab. Henrike und ich haben sehr viele Stunden gemeinsam verbracht.

D-Movie: Jetzt studierst Du Regie an der Hamburg Media School. Ist von Dir in diesem Jahr noch ein Kurzfilm zu erwarten, oder womit bist Du im Moment beschäftigt? Und woher holst Du eigentlich die Inspiration für Deine Ideen?

Teske: Seit Oktober studiere ich an der Hamburg Media School im Masterstudium Regie. Das wird zwei Jahre gehen, in denen ich drei Kurzfilme drehen werden. So ist zumindest der Plan. Der erste soll im Juni/Juli 2011 fertig werden und da wird dann gleich der zweite hinterher gedreht. An der Schule arbeiten wir mit Autoren zusammen, was bedeutet, dass wir nicht zwangsläufig unsere eigenen Stoffe verfilmen können. Die anderen Regisseure vom KIND MIT DER GOLDENEN JACKE sind auch alle dabei, was wirklich sehr toll ist. Natürlich werde ich trotzdem weiterhin an eigenen Stoffen arbeiten, die ich mir dann für nach dem Studium aufhebe. Aber es ist generell immer gut, Ideen vorzubereiten. Woher meine Ideen kommen … hm, die Frage stelle ich mir auch manchmal. Inspirationen sind, glaube ich, keine anderen als bei anderen: in der U-Bahn sitzen, Zeitung lesen, auf Partys gehen, Musik hören … alles Alltägliche eigentlich.

D-Movie: Du bist mit dem Kulturgut Film groß geworden und hast schon früh Eastern, Western und allerlei zu sehen bekommen. Hast Du Dich je für eine andere Kunstform besonders interessiert, oder stand für Dich sofort der Film fest? Welche Filme haben Dich in Deinem Wunsch, selber was in dem Bereich zu machen, bestärkt?

Teske: Ich interessiere mich auch für andere Kunstformen, Fotografie zum Beispiel. Ich schreibe auch sehr gerne und hab eine Zeit lang auch ein Instrument gespielt. Ich bin aber einfach zu faul dafür. In meinem nächsten Leben werde ich Rockstar. Aber in diesem werde ich definitiv Filme machen. Ich bin schon relativ früh ins Kino gegangen. Der erste Film war von Disney "Bernhard und Bianca – Die Mäusepolizei". Der Film, den ich am häufigsten gesehen habe, war, glaube ich, "Die Goonies" von Richard Donner. Den habe ich irgendwann in den Sommerferien jeden Tag einmal geschaut. Und seitdem gibt es eine lange, lange Liste an Filmen und Regisseuren und Schauspielern und so weiter …

D-Movie: Zuletzt die allseits beliebte Frage: Bei einem Hammer-Budget und allen kreativen Freiheiten, was würden wir von Dir zu sehen bekommen? Welche Ziele strebst Du mit Deiner Filmerei überhaupt an – willst Du die Zuschauer bewegen, wachrütteln, herausfordern, willst Du die Kulturgeschichte bereichern oder einfach nur stinkreich werden?

Teske: Warte ab, bis ich das Budget habe, dann wirst du den Film hoffentlich zu sehen bekommen. Hm. Sagen wir: Ja, ich habe ein paar Ideen, die ich noch sehr gerne umsetzen möchte und ich hoffe sehr, dass ich das Budget dafür zusammen bekommen werde. Aber ich habe mich auf kein Genre festgelegt. Die Frage ist auch schwierig zu beantworten, weil sie mit Zeit zu tun hat. Ich würde jetzt vermutlich etwas ganz anderes antworten, als in zehn Jahren. Und wer weiß, wann ich das Geld zusammenhabe. Gerade im Moment würde es vermutlich eine verschwenderische, lustige, traurige, skurrile, kleine Liebesgeschichte in großem Stil werden. Reich wird man mit dem Filmemachen nur sehr selten und "Kulturgeschichte bereichern" klingt für mich nach einem viel zu unberechenbaren Ziel. So etwas passiert oder eben nicht, so etwas sollte man nicht planen. Ich möchte einfach meine Geschichten erzählen, am liebsten für die große Leinwand, fürs Kino. Und wenn ich ehrlich bin, dann freut es mich auch immer, wenn jemand meine Geschichten mag.

(das Interview wurde geführt von David J. Lensing, November 2010)