<< Marc Schießer
Benjamin Teske >>
Die Szene

Auf YouTube stolpert man ja bekanntlich über diverse mehr oder weniger sehenswerte Clips, Sketche, Tutorials und so weiter. Per Zufall stieß ich (David) dort im März 2010 auf den Kurzfilm "My name is Lisa" - ein etwa 6-minütiges "Videotagebuch" eines kleinen Mädchens. Von YouTube-Usern zum "Besten Kurzfilm des Jahres 2007" gekürt, hat mich dieser Film neugierig gemacht und schließlich nachhaltig beeindruckt. Im Nu landete ich auf der Website der Gebrüder Shelton - Ben und Josh - die sich dem Filmemachen verschrieben haben. Dort habe ich mir die anderen Produktionen des Duos angesehen und gedacht: Über die beiden würdest du gerne mehr erfahren. Dank des Internets musste ich dazu nicht mal ne Brieftaube in die Staaten schicken. Mail macht's möglich: Hier ein Interview mit einem Filmemacher, der seine bereits früh entdeckte Leidenschaft inzwischen zum Beruf gemacht hat.

Kurzer Steckbrief

Name: Ben Shelton
Alter: 29 Jahre
Wohnhaft: Los Angeles, Kalifornien
Beruf: Filmemacher
Hobby: Basketball
Website: www.sheltonfilms.com

Das Original-Interview (auf Englisch) gibt's übrigens hier.

- INTERVIEW -

D-Movie: Du hast schon im Alter von 13 Jahren mit dem Filmemachen angefangen. Wie kam's dazu?

Shelton: Mein Gemeinschaftskunde-Lehrer, Herr Guillermo, stellte uns vor die Wahl, eine Klassen-Aufgabe entweder schriftlich oder in Form eines Kurzfilms abzuliefern. Wir durften einen Film über ein beliebiges Thema aus unserem Textbuch machen. Also öffnete ich besagtes Buch und fand zwei Sätze über den Kinderkreuzzug (ein Ereignis, bei dem im Jahr 1212 tausende von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Deutschland und Frankreich unter der Leitung von visionären Knaben zeitgleich zu einem Kreuzzug ins Heilige Land aufbrachen). Und darüber machte ich einen Film. Wohlgemerkt keinen echten "Film", da wir - soweit ich mich erinnere - eine VHS-Kamera benutzten. Zu der Zeit stand uns noch kein digitales Schnittpult zur Verfügung, deshalb schnitten wir den Film mit der Jog/Shuttle-Funktion zweier Videorekorder. So entstand dieses Filmchen, basierend auf der wahren Geschichte von Kindern, die von Deutschland und Frankreich ins Heilige Land pilgerten. Wir verbanden das Ganze mit Ausschnitten von "Indiana Jones", unterlegten es mit dem "Star Wars"-Soundtrack und bekamen als Note schließlich 99 von 100 möglichen Punkten für das Projekt! Ich war zwar ein guter Schüler, aber mit meinen schriftlichen Arbeiten habe ich nie 99 Punkte bekommen. Deshalb wurden von da an meine Filme besser und meine Aufsätze schlechter.

D-Movie: Im Jahr 2007 hast Du mit deinem Bruder den sehr erfolgreichen Kurzfilm "My name is Lisa" gedreht - ein Film, der Alzheimer aus der Sicht einer Angehörigen zeigt. Warum dieses Thema?

Shelton: Ich lernte Alzheimer im Rahmen meines Studiums an der University of Puget Sound (eine Privatuniversität in North Tacoma) näher kennen. Dort habe ich meinen Bachelor of Arts in Theater gemacht und als Teil meiner Abschlussarbeit in dem "The Tales of the Lost Formicans" von Constance Congdon mitgespielt. Ich habe darin die Rolle eines Alzheimer-Patienten übernommen. Mit dieser Erfahrung in Erinnerung habe ich Jahre später meinen ersten Entwurf von "My name is Lisa" geschrieben, der sich ausschließlich aus den Webcam-Szenen zusammensetzte. Mein Bruder Josh hatte die Idee zu zeigen, wie Lisa an verschiedenen Tagen nach der Schule zu Hause ankommt und in der Einfahrt jedes Mal eine Überraschung erlebt. Das hat der Story sehr geholfen, denn dieses "Nachhause-Kommen" ist für die Angehörigen eines Alzheimer-Kranken immer anders. Du weißt nie, was Dich erwartet. Der Film basiert zwar nicht auf persönlichen Erfahrungen, aber später habe ich realisiert, dass ich die Demenz meiner Großeltern nicht als solche wahr haben wollte - und wie mich diese Erkenntnis schließlich traf. Wir haben "My name is Lisa" für einen Filmwettbewerb gedreht und den dritten Platz belegt. Danach gewannen wir mit dem Film noch zahlreiche Preise. Doch das wichtigste Resultat waren letztendlich die zahllosen Emails, die wir von Leuten bekamen, die Erfahrung mit Alzheimer haben und uns für diesen Film ihre Dankbarkeit aussprachen.

D-Movie: Ihr habt das Medium Film ohne Frage gut eingesetzt, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer über einen gelungenen Twist auf ein Thema zu lenken, das ansonsten in der Öffentlichkeit wenig Beachtung bekommt. Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen Dir und Deinem Bruder Josh vorstellen? Seid ihr ein ähnlich kongeniales Duo wie die Coen-Brüder?

Shelton: Josh und ich teilten schon immer eine Leidenschaft für Filme. Früher war ich aber eher der Filmemacher, während Josh in Sachen Musik unübertrefflich war. Er ist ein sehr talentierter Komponist und hat sämtliche Musik für unsere Filme geschrieben. Außerdem ist er ein überaus begabter Autor - mit ihm zusammen zu arbeiten war schon immer ein Segen und eine Herausforderung zugleich. Josh verwandelt eine gute Idee in eine großartige Idee und das macht ne Menge Spaß. Ich habe zwar nie die Coen-Brüder bei der Arbeit beobachtet, aber ich könnte mir vorstellen, dass wir da recht ähnlich sind: Wenn wir zusammen an einem Projekt arbeiten, teilen wir praktisch immer dieselben Ansichten, was für's Filmemachen einfach wichtig ist. Doch zeitgleich verfolgt jeder noch seine eigenen Projekte, so dass wir nicht stets gemeinsam arbeiten.

D-Movie: Die Performance von Carlie Nettles in "My name is Lisa" ist schlichtweg beeindruckend. Wie hast Du diese junge Schauspielerin kennen gelernt? Und würdest Du dich im Bezug auf das Arbeiten mit Darstellern eher als Autorenfilmer oder Schauspieler-Regisseur bezeichnen?

Shelton: Ich traf Carlie Nettles erstmals am Set von "Alle hassen Chris" (eine US-amerikanische Comedy-Serie), als Carlie dort einen Gastauftritt hatte. Sie war absolut fabelhaft und hat einfach alle weggepustet. Ich wusste sofort, dass ich mal mit ihr arbeiten möchte. Und an unserem Set war sie schließlich exzellent - ihre Natürlichkeit vor der Kamera wird ihr ne großartige Karriere bescheren. Auf ihrer Website (www.carlienettles.com) kann man mehr über sie erfahren. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich als Autorenfilmer oder Schauspieler-Regisseur einordnen lasse. Die meiste Zeit verbringe ich zwar mit dem Schreiben neuer Projekte und suche nach dem besten Weg, eine Geschichte zu erzählen. Aber auf dem College war ich Schauspieler - deshalb respektiere ich Schauspieler sehr, weil sie die Fähigkeit haben, eine Story so zu erzählen, wie Laien es nicht könnten. Immer wenn ich mit Leuten zusammen arbeite, die Schauspiel nicht gelernt haben, erinnert es mich direkt daran, wie wertvoll gute Schauspieler für einen Film sein können. Wie Du weißt, ist Filmemachen eine Gemeinschaftsarbeit - und jeder muss etwas dazu beitragen, um aus dem Projekt das Bestmögliche rauszuholen.

D-Movie: Dein neuster Film "Shakespeare with fries" macht einen aufwändigeren Eindruck als eure voran gegangenen Produktionen. Liegt's daran, dass ihr inzwischen über ein höheres Budget verfügt oder Förderer für eure Filme gefunden habt?

Shelton: Freut mich, dass Du dem Film seine aufwändigere Produktion angemerkt hast. Aber um ehrlich zu sein, hat uns das Projekt nicht viel gekostet - abgesehen davon, dass wir das Theater gemietet haben. Die Booth-Burger-Reklame ist komplett handgemacht. Wir werden zwar nicht von Sponsoren gefördert, doch dank unserem engagierten Team konnten wir den Film in drei Tagen abdrehen.

D-Movie: Last but not least - wie viel kannst Du uns über eure laufenden und zukünftigen Projekte verraten?

Shelton: Josh hat gerade erst die Produktion des Spielfilms "Homecoming" in Florida zu einem guten Abschluss gebracht. Und ich führe in der San Francisco Bay Area zurzeit Regie bei einer TV-Show für Kinder. Außerdem haben wir ein Drehbuch für einen Spielfilm, das wir momentan mit Produzenten besprechen - wir hoffen, dieses Screenplay im nächsten Jahr verfilmen zu können. Ebenso stecke ich mit einigen Kabelsendern zurzeit in Verhandlungen bezüglich eines Pilotfilms, den ich inszenieren möchte. Kurzfilme sind zurzeit keine geplant, aber wir bleiben dran, was neue Projekte angeht. Wer sich auf dem Laufenden halten möchte, kann einfach mal auf unserer Website oder auf Facebook (www.facebook.com/sheltonfilms) vorbeischauen.

(das Interview wurde geführt und übersetzt von David J. Lensing, April 2010)