ZEITEN DES AUFRUHRS (2008)
R: Sam Mendes | D: Justin Haythe | K: Roger Deakins | ca. 119 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
ENDSTATION ALLTAG
Wenn es mit dem amerikanischen Traum funktioniert, dann kommt dabei eine glückliche Ehe in einem schönen Eigenheim mit sicherem Beruf und schließlich gesundem Nachwuchs heraus. Doch wenn diese Ehe daran zerbricht, dass sich besagtes Eigenheim als Sackgasse herausstellt, der Beruf die blanke Langeweile mit sich bringt und der Nachwuchs der einzige Grund ist, nicht die Flucht zu ergreifen, wünschte man sich, aus dem Alptraum aufwachen zu können. Für das junge Pärchen Frank und April Wheeler ist es zu spät. Deren gemeinsamer Traum von einem Leben in Paris platzt mit dem überstürzten Umzug in die „Revolutionary Road“ (Originaltitel des Films und der literarischen Vorlage). Frank hasst seinen Bürojob und April das Hausfrauendasein, aber Beförderung und Schwangerschaft sind die Nägel für den Sarg, in dem die wilden Zukunftspläne begraben werden. Das hört sich deprimierend an. Ein Film über die Höhen und Tiefen einer Beziehung, die eine sichtliche Tendenz zum Scheitern aufweist. Scheitern meint nicht zwingend Trennung, sondern vielmehr Resignation.
Und tatsächlich, die Adaption des Romanklassikers von Richard Yates ist deprimierend, zuweilen gar unangenehm. Allerdings im positiven Sinne: Wenn der empfindsame Zuschauer am liebsten abschalten würde, um den heftigen Auseinandersetzungen des jungen Paares und der erdrückenden Atmosphäre in deren Haus zu entkommen, aber andererseits dranbleiben will, weil ihn das Schicksal der Protagonisten zu sehr interessiert, dann haben Crew und Cast ganze Arbeit geleistet. Allen voran das bemerkenswerte Schauspielergespann, denn Frank und April werden von einem der tragischsten Traumpaare der Filmgeschichte verkörpert: Leonardo Di Caprio und Kate Winslet, die in den 90ern als Jack und Rose bereits bestens miteinander funktionieren. Es ist schon erstaunlich, dass über ein Jahrzehnt verging, ehe die beiden Hollywood-Ikonen wieder vor der Kamera vereint wurden – und dann auch noch von Kate Winslets Ehemann Sam Mendes, der sich zuletzt mit dem Kriegsdrama „Jarhead – Willkommen im Dreck“ profiliert hat. Kleine Anekdote am Rande: Kate Winslet zufolge hatte sie sich zum Abendessen mit ihrem besten Freund Leonardo di Caprio verabredeten und stattdessen ihren Mann hingeschickt, damit die beiden über ein gemeinsames Filmprojekt ins Gespräch kommen würden. So sei die Zusammenarbeit überhaupt zustande gekommen.
Mit von der Partie ist übrigens auch Kathy Bates und damit eine dritte Schauspielerin, die bereits in James Camerons „Titanic“ zu sehen war. Dieses Mal spielt sie die Vermieterin Helen Givings, deren psychisch instabiler Sohn John (einschüchternd unberechenbar dargestellt von Michael Shannon) als Einziger die Situation von Frank und April durchblickt und ihnen auf den Zahn fühlt: Die Szenen, in denen er den Wheelers ihr kleinbürgerliches Dahinvegetieren vor Augen führt und Frank damit in den Wahnsinn treibt, gehören zu den besten des Films. Sam Mendes greift in diesem Beziehungsdrama das Thema aus seinem Meisterwerk „American Beauty“ wieder auf, schlägt jedoch einen wesentlich ernsteren Ton an und spart sich jegliche Ironie – in Amerika ist der Film aufgrund der harten Sprache und sexuellen Inhalten erst ab 17 Jahren freigegeben (was womöglich eher an Prüderie, als an zu drastischer Darstellung liegt, aber wer vermag das zu beurteilen?). Es empfiehlt sich, den zweistündigen Streifen in Gesellschaft zu schauen, denn ob der Film nun gefällt oder nicht, dem aufmerksamen Zuschauer liefert er in jedem Fall Diskussionsstoff.
