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Die Filmdose

TITANIC (2008)

R/D: James Cameron | K: Russell Carpenter | ca. 189 Min. | Filmkritik von David J. Lensing

DER REKORDDAMPFER

Als im Jahr 2006 gleich zwei Spielfilme über den Terroranschlag vom 11. September im Kino anliefen, kam die Debatte auf, ob man ein derart schreckliches Ereignis kommerzialisieren dürfe. Die Argumente waren vielseitig, aber die Entscheidung stand im Prinzip längst fest: Ja! Allein schon, damit gewisse Begebenheiten nicht in Vergessenheit geraten, haben Filme wie „Der Untergang“ über den zweiten Weltkrieg, „Hotel Ruanda“ über den Völkermord in Ruanda oder „Flug 93“ über den 11. September eine Existenzberechtigung. Wer könnte sich noch an die Schiffskatastrophe im Jahre 1912 erinnern, bei der über 1.500 Menschen ihr Leben ließen, weil schlichtweg zu wenig Rettungsboote eingeplant waren? Oder anders gefragt: Wer kann sich die philippinische Fähre Doña Paz erinnern, die in den 80er Jahren nach einer Kollision sank und über 4.000 Menschen in den Tod riss? Dahinter verbirgt sich eine skandalträchtige und spannende Geschichte, aber eben nicht die von Jack und Rose und dem erfolgreichsten Film des 20. Jahrhunderts. Welch mehr oder weniger noblen Motive den revolutionären Regisseur James Cameron jedenfalls dazu veranlasst haben, den Untergang der „Titanic“ auf die große Leinwand zu bringen: Er hat sie damit endgültig vor dem Vergessen bewahrt. Zur Belohnung gab’s 1,8 Millionen Dollar Einspielergebnis und 11 Oscars. So viele Goldjungen hatte bis dato nur „Ben Hur“ abgesahnt.

Cameron rollt die Geschichte von hinten auf. Schließlich ist klar, wie das Ganze enden wird – zumindest für das Schiff. Zu Beginn des Films liegt es bereits auf dem Meeresgrund und dient einem Forscherteam als Spielplatz für ihre Expedition. Sie suchen einen Diamanten und finden eine Zeichnung dessen. Long story short: Eine reichlich betagte Dame behauptet, die hübsche Frau zu sein, die mit dem Diamanten auf der Zeichnung abgebildet ist, und erzählt den Forschern kurzerhand die dreistündige Geschichte vom Untergang der „Titanic“ und der Liebe ihres Lebens. Ob man die Geschichte kürzer oder mit weniger Kitsch hätte erzählen können, sei dahingestellt: Das Ergebnis ist ein handwerklich beeindruckender Film, der Fans von Katastrophen- und Liebesfilmen gleichermaßen begeistert. Neben einigen fiktiven Protagonisten (siehe Traumpaar) basiert eine Großzahl der Figuren auf realen Personen, wie zum Beispiel die „unsinkbare Molly Brown“ – im Film dargestellt von Oscar-Preisträgerin Kathy Bates, im wahren Leben als Überlebende berühmt gewordene Frauenrechts-Aktivistin und (später) Schauspielerin.

Doch nicht nur in die Figuren hat Cameron viel Detailverliebtheit und Recherchearbeit fließen lassen, um ein Höchstmaß an historischer Authentizität zu gewährleisten. Mehrere Male tauchte er in einem Unterseeboot in die Tiefe des Nordatlantiks, um das erst 1985 entdeckte Wrack unter die Lupe zu nehmen. Anschließend ließ er die Titanic fast in Originalgröße nachbauen und um das Schiff herum einen gewaltigen Wasser errichten, der als Filmstudio diente, in dem sich der perfektionistische Filmemacher monatelang austoben konnte. Dabei ging er nicht gerade zimperlich mit Cast und Crew um. Im Gegenteil: Cameron gilt als sehr launischer Zeitgenosse. Aber was erwartet man von einem Mann, der bei der Oscar-Verleihung „I am the king of the world!“ ins Mikro brüllt, anstatt einfach „Danke“ zu sagen. Aber so sind sie, die größenwahnsinnigen Meister der Filmgeschichte: Stets ihrer Genialität bewusst. Irgendwo hat Cameron ja sogar Recht. Denn wer musste erst wieder auf dem Regieposten Platz nehmen, um den Rekordhalter vom ersten Platz zu verdrängen? Er selbst. 2009 schuf er mit „Avatar“ den neuen „erfolgreichsten Film aller Zeiten“. „Titanic“ haben sich die cinephilen Filmfreunde indes so oft angesehen, dass die Filmfehler-Liste gar kein Ende mehr nehmen will: Von Mikrofonschatten im Bild über Freudsche Zitate im Film, die erst Jahre nach Schiffsbruch veröffentlicht wurden. Aber nicht nur diese kleinen Schmankerln sind der Grund dafür, warum man sich den Streifen immer wieder anschauen kann: „Titanic“ ist einfach ein großartiger Film!