THEMBA (2010)
R/D: Stefanie Sycholt | K: Egon Werdin | ca. 108 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
Zuvor erschienen im Deutschen Ärzteblatt
KEIN FUSSBALLMÄRCHEN
Fußball und Afrika, zwei Begriffe mit denen man im Jahr 2010 das große Kribbeln der Weltmeisterschaft assoziiert. Fußball und Aids, das klingt schon ganz anders. So lauten die zentralen Themen des Films „Themba“, der dem Zuschauer einen Einstieg über den kulturübergreifenden Weltsport ermöglicht, um ihn dann mit der harten Realität Afrikas zu konfrontieren. Nicht in Form von kitschigem Culture-Clash á la „Kick it like Beckham“, sondern eher als afrikanisches Pendant zu Danny Boyles „Slumdog Millionär“, an dessen Klasse „Themba“ zwar bei weitem nicht heranreicht, dem aber ein ähnliches Kunststück gelingt: Regisseurin Stefanie Sycholt findet eine Balance zwischen spannender Unterhaltung und bitterernster Aussage. Was in der Fußballeuphorie unterging, kommt in diesem Film zur Sprache – nämlich wie es außerhalb der nagelneuen Stadien um das von Aids und Armut geplagte Gastgeberland steht.
Der Plot ist simpel: Der 11-jährige Themba lebt mit Mutter und Schwester in armen Verhältnissen in einem kleinen Dorf im Ostkap. Wie alle Jungs in dem Alter, sind auch er und seine Freunde ganz vernarrt ins runde Leder. Themba lässt keine Gelegenheit aus, um mit den anderen Kindern im Dorf Fußball zu spielen und den großen Vorbildern nachzueifern. Doch abseits der heilen Welt auf dem Bolzplatz überschlagen sich die Ereignisse, als Thembas Mutter ihn und seine Schwester mit ihrem arbeitslosen, trinkenden Freund Luthando zurück lässt, um in Kapstadt Geld für sich und ihre Kinder zu verdienen. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, damit die gelungene Dramaturgie wirken kann. Ohnehin fokussiert der Film weit mehr als einen Handlungsstrang und greift Tabuthemen auf, die auf der großen Leinwand bislang selten zur Sprache kamen. In Englisch und der südafrikanischen Bantu-Sprache des Xhosa-Volkes gedreht, nähert sich „Themba“ dem Thema Aids schleichend, aus der Perspektive eines Kindes. Diese ungewöhnliche Sicht ermöglicht selbst dem aufgeklärten Zuschauer ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie sich der tödliche Virus noch heute so rasch verbreiten kann. Nat „Junior“ Singo spielt die titelgebende Hauptfigur und vermittelt auf eindringliche Weise, wie Angst und Scham den Umgang mit der Krankheit gerade hinsichtlich der gesellschaftlichen Folgen erschweren.
Das Wort „Themba“ steht beim Xhosa-Volk übrigens für Hoffnung und ist ein in Afrika weit verbreiteter Jungen-Name, dessen Bedeutung die Aussage des Films subtil unterstreicht, denn zwischen HIV-Infektion und Aids-Ausbruch kann bekanntlich viel Zeit vergehen. Mit heutigen Mitteln lässt sich Aids zwar noch immer nicht heilen, aber besser behandeln als noch vor wenigen Jahren. Obwohl sich der Cast zu großen Teilen aus sehr jungen Laiendarstellern zusammen setzt, kann man ohne weiteres von einem überzeugenden Ensemble sprechen. Mit Simphiwe Dana als Mutter Mandisa und Patrick Mofokeng als arbeitsloser Luthando haben sich die Filmemacher für zumindest in Südafrika namhafte Schauspieler entschieden. Aber auch deutsche Prominenz ist vertreten – in Form eines Mannes, der bislang eher Flutlicht statt Scheinwerfer gewohnt war: Den Fußball-Coach John Jakobs, der auf Thembas Talent aufmerksam wird, spielt Jens Lehmann. Damit tritt unser Ex-Torhüter sozusagen in die Fußstapfen Éric Cantonas, der in Frankreich längst Film- und Fußballstar ist. Lehmann, der bereits als Moderator Kameraerfahrung gesammelt hat, schlägt sich ganz passabel in seiner ersten und nicht besonders anspruchsvollen Kinorolle. Abgesehen von diesem Starfaktor gibt es zahlreiche Gründe für das Lösen einer Kinokarte: „Themba“ erzählt in satten Farben eine spannende, tragische und facettenreiche Geschichte, die mit einem Hauch von Pathos auf ein sehenswertes Ende zusteuert.
