THE HIGH COST OF LIVING
R/D: Deborah Chow | K: Claudine Sauvé | ca. 92 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
THE LONG WAY TO SALVATION
Ein Mann fährt eine Frau an. Schlimme Sache, aber kann passieren. Der Mann ist Drogendealer und begeht Fahrerflucht, die Frau ist schwanger und verliert ihr Baby. Schreckliche Geschichte, passiert leider trotzdem. Der Mann ist der Held des Films, hilft der Frau über ihre Trauer hinweg, ohne ihr seine Schuld zu gestehen, und weckt nebenbei das Mitgefühl seines Publikums. Interessanter Versuch, doch das kann nicht passieren. Nicht einmal, wenn dieser Mann Zach Braff ist, der als John Dorian in der Comedy-Serie „Scrubs“ allerlei unverzeihliche Schoten gerissen hat und dank Hundeblicks und wirklich, wirklich schlechtem Gewissen trotzdem stets die Sympathien seiner Zuschauer behält.
„The High Cost Of Living“ ist weit entfernt von jeglichem komödiantischen Ansatz. Der Zuschauer sieht sich mit dem Ernst des Lebens und einer üblen Tragödie konfrontiert – da kann Braff noch so lammsfromm dreinschauen: Er ist der Buh-Mann, wird nicht einmal zum asozialen Antihelden stilisiert, dessen Abartigkeit uns fasziniert und auf seine Seite schlägt, sondern bleibt ein Mensch, den wir verachten. Und das soll der Held sein? Es kann nicht funktionieren, die kanadische Filmemacherin Deborah Chow versucht es in ihrem Debüt-Langfilm trotzdem und scheitert – scheinbar. Die Frage ist: Ab wann hat ein Film sein Soll erfüllt? Unsere Sehgewohnheiten gaukeln uns vor, stets eine Identifikationsfigur finden zu müssen, um unsere Aufmerksamkeit binden zu können.
Hier haben wir die Auswahl zwischen Opfer und Arschloch, zwei Figuren in einer absolut realistischen Geschichte. Wenn wir ihrem Handeln und Tun folgen, müssen wir uns eingestehen, dass sie zutiefst nachvollziehbar handeln. Dennoch bleibt eine ungemütliche Distanz, die mit jeder Gelegenheit zum Schuldeingeständnis, die Braff verpasst, beziehungsweise bewusst links liegen lässt, wächst. Einerseits ist da der Wunsch nach Genugtuung für die traumatisierte, am Boden zerstörte Frau, andererseits die Erkenntnis, dass diese Frau, umgeben von unfähigen Männern, besagte Genugtuung nicht bekommen kann – allenfalls in einem unbefriedigenden Ende, das dann, so wahrscheinlich es wiederum sein mag, den Zuschauer geradezu vor den Kopf stößt. Vielleicht wollte Regisseurin Deborah Chow genau diesen Konflikt, genau diesen Film, mit dem sie auf dem Toronto International Film Festival 2011 immerhin den Preis für den besten kanadischen Debütfilm abgeräumt hat.
Dabei ist sie jedoch das Risiko eingegangen, ihr Publikum abzuhängen. „The High Cost Of Living“ bleibt ein durchaus sehenswertes Erstlingswerk, das allerdings schnell falsch verstanden werden kann. Schaut man sich das Drama bis zur gelungenen Schlusseinstellung an, kommt der Verdacht auf, dass Chow bewusst darauf abzielt, ihrem Helden die Sympathien zu verweigern, während ihre Heldin nichts als Mitleid heraufbeschwört. Eine gewagte Mischung, bei der ein Großteil der Zuschauer auf der Strecke bleiben wird – denn dieser Film ist ungemütlich, vielleicht zu sehr aus dem Leben gegriffen, jedenfalls kein Popcorn-Kino, wie es sich Zach-Braff-Fans womöglich erhoffen. Der bestbezahlte Schauspieler im US-Fernsehen war zuletzt als Hauptdarsteller in der Komödie „Dein Ex – mein Alptraum“ zu sehen, ein durchschnittlicher Klamauk und Braff in seiner typischen Rolle. Dass er in „The High Cost Of Living“ erstmals ein tragisches Drama um seine Präsenz bereichert und zudem in einer so schwierigen, weil ziemlich asozialen Rolle, macht den Film umso interessanter. Anschauen und eigene Meinung bilden!
