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Die Filmdose

THE EXPLODING GIRL (2009)

R/D: Bradley Rust Gray | K: Eric Lin | ca. 79 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
Zuvor erschienen im Deutschen Ärzteblatt

EIN LEBEN AUF DISTANZ

Weniger ist bekanntlich mehr. Das hat sich der amerikanische Regisseur Bradley Rust Gray bei seinem Film „The Exploding Girl“ zu Herzen genommen. Die erste Einstellung des 80-minütigen Dramas zeigt ein Mädchen auf einem Beifahrersitz – gefilmt durch eine Windschutzscheibe, die mehr den blauen Himmel reflektiert, als die Sicht auf den Menschen dahinter zu ermöglichen. Hiermit ist die Rolle des Zuschauers klar definiert: Er ist (und bleibt) der distanzierte Beobachter der 20-jährigen Ivy, die uns auch im weiteren Verlauf des Films nicht näher an sich heran lässt. Während sie ihre Sommerferien mit ihrem besten Freund Al bei ihrer Mutter in Brooklyn verbringt, sieht der Zuschauer sie meistens von der gegenüber liegenden Straßenseite oder als Spiegelbild im Schaufenster. Ihren festen Freund Greg lernt man nur als Stimme am Telefon kennen – eine Stimme, die zunehmend desinteressierter und monotoner wird. Dieser Inszenierungsstil ein bemerkenswerter Schachzug.

Denn Ivy leidet an juveniler myoklonischer Epilepsie, einer Krankheit, die sie in ihrem alltäglichen Leben stark einschränkt: Zu viel Stress, zu wenig Schlaf oder Alkoholgenuss führen zu tonisch-klonischen Krämpfen. Deshalb gibt sich Ivy beste Mühe, ihre Gefühle zu kontrollieren, was auf Außenstehende bald apathisch wirkt. Dargestellt wird dieses Mädchen von Zoe Kazan, die zuletzt als Geliebte von Leonardo di Caprio in „Zeiten des Aufruhrs“ von Sam Mendes zu sehen war. In ihrer ersten Hauptrolle trumpft Kazan hier mit einem dezenten Mienenspiel auf, das ohne große Gesten ihr aufgewühltes Innenleben für den auf Distanz gehaltenen Zuschauer greifbar macht. Nichts lenkt den Zuschauer von Ivy ab, die sich mit der Zeit von ihrem Freund Greg entfremdet und sich stattdessen in ihren Kumpel Al verliebt. Obwohl sich die beiden seit der achten Klasse kennen und mögen, kommt es bei den gemeinsamen Streifzügen durch Brooklyn zu vorsichtigen Annäherungsversuchen.

Um das Großstadtgetümmel und Ivys Gefühl von Verlorenheit in Szene zu setzen, hat sich der Regisseur für eine eigenwillige Methode entschieden: Dank hochwertigen Equipments – gedreht wurde mit einer Red One, der digitalen Alternative zu herkömmlichen 35-mm-Kameras – war der Kameramann zuweilen einen ganzen Häuserblock von den Schauspielerin entfernt, die gar nicht wussten, von wo sie überhaupt gefilmt werden. Durch das Bild laufen nicht Statisten, sondern Passanten – das Filmteam hat den hektischen Metropolenalltag eingefangen, ohne den Fokus von ihren Akteuren zu lassen. Das Ergebnis schlägt sich in atmosphärischen Szenen nieder, die den Eindruck vermitteln, als stehe man mitten in Brooklyn und beobachte zufällig zwei junge Menschen im Straßen- und Gefühlschaos. Als i-Tüpfelchen steht der Titel „The Exploding Girl“ in krassem Kontrast zu der wortkargen, geradezu zerbrechlich anmutenden Hauptfigur. Dieser Kniff verleiht dem Independent-Film eine konstante Spannung, die sich für den Zuschauer, der endlich sehen will, wie Ivy aus ihrer emotionalen Festung ausbricht, schlichtweg nicht erfüllt. Doch wer geneigt ist, genauer hinzuschauen und der Bildsprache zu lauschen, dem wird die Explosion sicher nicht entgehen. Eben diesen Liebhabern der leisen Töne sei die feinfühlige Charakterstudie einer jungen Frau, die sich mit ihrer Krankheit zu arrangieren versucht, sehr ans Herz gelegt!