STAY (2005)
R: Marc Forster | D: David Benioff | K: Robert Schaefer | ca. 99 Min. | Filmkritik von Kevin Ramolla
BLEIB BEI UNS, HENRY!
Gleich vorweg: Spoiler-Alarm! Wer sich „Stay“ noch anschauen möchte, sollte erst danach diese Rezension lesen :-)
Der Zuschauer mag annehmen, er habe soeben einen verrückten Traum durchlebt, wie nur ein klassischer Lynch ihn sich ausmalen würde. Und in der Tat befindet man sich, wenn man sich „Stay“ vom Vielfaltskünstler Marc Forster anschaut, in einer geschickt inszenierten Illusionswelt, die vor verwirrenden Handlungsebenen nur so strotzt. Der Streifen verliert durch seine Komplexität deutlich an Mainstream-Charakter, was ihn aber umso besser macht: Auf der Suche nach Antworten und Klarheit klammert man sich an die Protagonisten Sam Foster (Ewan McGregor) und Henry Letham (Ryan Gosling), dessen Darsteller den Rollen einen charismatischen und schaudernd nachvollziehbaren Schliff geben, und hangelt sich von einem Rätselnebel zum nächsten. Hier und da erinnert die ein oder andere Szene an ein kleines „Fight Club“-Dilemma, da Sams Identität in der Traumwelt immer weiter verschwimmt und manchmal der von Henry zu gleichen scheint. Jedoch lässt Marc Forster den Zuschauer nicht gänzlich im Stich und lichtet den Nebel etwas, so dass bald klar wird, dass mit der Filmrealität, die einem hier vorgegaukelt wird, doch etwas nicht stimmt. Und bevor man ähnlich wie Psychiater Sam, der Henry vor einem Suizidversuch zu bewahren versucht und einem unerbittlichen Countdown entgegenläuft, fast den Verstand verliert, wird klar, dass der gesamte Film bloß die Ausgeburt einer Nahtoderfahrung von Henry Letham ist. Und auf Traumebenen lassen sich bekanntlich manche unrealistischen Umstände unterbringen.
Doch zurück zur Realität: Henry liegt sterbend auf der Straße, nachdem ein Reifen seines Wagens geplatzt ist und sich überschlug. Passanten kommen herbeigerannt, stellen den Tod der Mitinsassen, Henrys Eltern und seiner Verlobten, fest und versuchen wenigstens ihn zu retten. Auf der 90-minütigen Reise der Schuldverarbeitung findet man diverse Gesichter etwaiger Passanten wieder, nahezu wahllos verstreut in der Traumwelt. Mit dem 21. Geburtstag und dem geplanten finalen Suizid von Henry Letham, mündet die Illusion letztendlich in die Realität und Marc Forster klärt auch die letzten Fragen, was der groteske Herr David Lynch, um nochmal auf den Vergleich zurückzukommen, natürlich niemals getan hätte. Das Erliegen seiner Verletzungen beendet neben Henrys Leben gleichzeitig auch seine Traumwelt – ein intelligenter kleiner Zeitrahmen, dem die Story hier unterliegt. Lebendig untermalt wird das skurrile Szenario aus dem Genre „Brainfuck-Filmchen“vomstilistisch genialen Kameraspiel, inszeniert durch Robert Schaefer, welcher seine große Experimentierpalette ausgefahren hat, und keine wilde Einstellung scheut. Ein weiterer Held hinter den Kulissen ist ebenfalls Matte Chessé, der Cutter dieses Films, der diesen zu einer wahren modernen Schnitttrophäe verwandelt und somit weitere Grundsteine für eine vielversprechende Filmzukunft liefert. Schaefer und Chessé bezaubern und verwirren den Zuschauer durch spielerische Perspektivenwechsel in Räumlichkeiten, bei Dialogen, und auch durch beeindruckende Match Cuts, die mit genialen Kameraübergängen und einer Art “Morphing“ von Personen/Orten zu anderen Personen/Orten zur Szenenüberbrückung einhergehen.
Beispielsweise wechselt Chessé an manchen Stellen flüchtig zwischen Illusion und Realität, indem er sich bestimmte Fixpunkte, wie etwa Lichtpunkte, aus dem Szenenende kurz vor dem geplanten Übergang sucht, mit denen er weich in ähnliche Punkte in die nächste Szene blenden und anknüpfen kann. Hier werden glänzende Kerzenleuchter dann schon mal gerne zu Verkehrslichtern, oder schimmernden Regentropfen auf der Windschutzscheibe des Autos vor dem tragischen Unfall. Die aufkeimende Verwirrung im Protagonisten und das Zusammenbrechen seiner Illusionswelt werden dem Zuschauer durch den geschickten Schnitt, welcher sich zum Klimax hin sogar noch beschleunigt, suggeriert. Der Film ist ganz klar ein Rätselbrocken und kein Produkt der „Schatz, was schauen wir uns nach dem Essen an?“-Kategorie. Anhänger experimenteller, aufmerksamkeitsraubender Werke, wie etwa auch „Donnie Darko“ von Richard Kelly, werden diesen Film und sein großes Diskussionsspektrum zu schätzen wissen.
