SOMEWHERE (2010)
R/D: Sofia Coppola | K: Harris Savides | ca. 94 Min. | Filmkritik von Kevin Ramolla
SEX, DRUGS & BOREDOM
In diesem nahezu dokumentarischen Drama, das auf den Filmfestspielen in Cannes übrigens den goldenen Löwen gewann, durchlebt der Zuschauer einen kleinen Lebensabschnitt des einsamen, geschiedenen,und auch von der Gesellschaft abgeschiedenen Johnny Marco, gespielt von Stephen Dorff. Jedoch wirkt Stephen Dorff in seinem eigenen Lebensportrait eher so, als erfülle er nur eine geringfügige Funktion, die vom Geschehen gelenkt wird, anstatt wirklich zu handeln oder gar wegen besonderen darstellerischen Leistungen aufzufallen. Unnötig lang wirkende Kameraeinstellungen, die den Zuschauer scheinbar dazu bewegen wollen „Cut!“ zu rufen, die gleichzeitige Banalität von einigen Rahmenszenen, durch die man Mr. Marco kennenlernt, die fehlende musikalische Begleitung und der damit letzte, verlorene Hoffnungsschimmer dem Geschehen auch nur irgendwie interessiert folgen zu wollen, wirken auf den ersten Blick wirklich einschläfernd - und sind es im Prinzip auch.
Aber in Wirklichkeit sind es auch gewollte Schritte der Regisseurin, damit sich der Zuschauer präziser mit der ewigen Müdigkeit und der Langeweile, die im ruhmreichen Leben des Stardarstellers vorherrschen, besser identizifieren kann. Auch wenn es Johnny, der seinen freizügigen Lebensstil zu genießen scheint, indem er seiner Sportkarre durch die Prärie peitscht, sich bei Gelegenheit von einem Hubschrauber rumfliegen lässt, ausländische Filmpremieren besucht und derzeit in einem exklusiven Hotel wohnt, in dem durchgehend halbnackte Models durch den Flur hüpfen und ihm ab und zu für ein „Rendezvous“ zur Verfügung stehen, nach außen hin gut zu gehen scheint, hegt er einen depressiven, paranoiden Frust im Herzen. Die Exposition zeichnet unseren Johnny als ein soziopathisches, sexsüchtiges Stereotyp-Wrack aus der Hollywoodfabrik, und die Kamera verfolgt ihn und seinen Lebensstil so bewusst stumm und handlungslos, dass der Zuschauer geradezu aufatmet, wenn plötzlich seine Tochter Cleo, gespielt von der absolut liebenswerten und überzeugenden Jungdarstellerin Elle Fanning, bekannt als ebenfalls bezaubernde junge Daisy aus „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, ins Bild tritt, und ihn für einige Zeit besucht und auf Pressetermine begleitet. Von hier an entstehen doch noch einige charmante und eigensinnige Momente, als Vater und Tochter beispielsweise am Boden eines Swimming Pools eine imaginäre Tasse Tee trinken. Jedoch verlieren sich diese Sympathiepunkte sehr schnell wieder in der monoton dargestellten Bodenlosigkeit des Hauptdarstellers, der seit Cloe zu Wort und Tat gekommen ist und den Film endlich mal aufblühen lässt, schon beinahe uninteressant wirkt, und man muss sich nahezu fürchten wieder mit ihm allein gelassen zu werden. Doch auch Elle Fanning kann leider nicht mehr allzu viel am Gesamteindruck reißen.
Trotz der netten, sympathischen Vater-Tochter-Momente wirkt der Film eher unberührend, was die laue, apathische Konfliktlosigkeit und die andauernden zirka zweiminütigen Kameraeinstellungen eher unterstützen, als den Film auf das emotionale Level zu heben, wie es gewollt schien. An den beispielsweise ungeschlagenen Meister Darren Aronofsky und seine filmischen Menschenwracks reicht Sofia Coppola noch nicht. Ihr Drama „Somewhere“ gleicht mit seiner Handlung eher einem heimlichen Sequel zu „Lost In Translation“, und kann auch leider nicht mit dessen Qualität und Überzeugungskraft verglichen werden. Aber wir wissen, dass Sofia das nötige Potenzial besitzt und hoffen mal, dass sie am Ball bleibt.
