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Die Filmdose

SCHATTENZEIT (2010)

R/K: Gregor Theus | ca. 60 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
Zuvor erschienen im Deutschen Ärzteblatt

VERSTECKTE VOLKSKRANKHEIT

Als sich Robert Enke im November 2009 das Leben nahm, hatten die Dreharbeiten zu einem Film über die Krankheit, an der auch der Torhüter litt, längst begonnen. Die Rede ist von einer Volkskrankheit, der am häufigsten auftretenden, psychischen Erkrankung. Das Bundesministerium geht von vier Millionen betroffenen Deutschen aus. Eine Zahl, die aufgrund der hohen Dunkelziffer nicht verifiziert werden kann. Doch dieser beachtlichen Verbreitung stehen versteckte Symptome gegenüber, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft missverstanden oder gar nicht erst erkannt werden. Deshalb schlägt der Dokumentarfilm „Schattenzeit“ über die Krankheit Depression so hohe Wellen: Er dreht sich um ein Thema, das viele betrifft und wenigen bekannt ist.

Um dieses gewagte Projekt zu verwirklichen, legte Regisseur Gregor Theus, Student an der Kunsthochschule für Medien in Köln, ein hohes Maß an Ausdauer und Feingefühl an den Tag. Bereits im Vorspanntitel heißt es, dass der Film die schwerste Form der Depression in den Fokus nehme. Theus begleitete über zwei Jahre hinweg drei Patienten im Berliner Charité mit der Kamera: Olaf, Mona und Maria, allesamt lebensmüde und suizidgefährdet, erzählen von ihrer Krankheit und lassen sich bei der Behandlung filmen. Dazu gehört auch die Elektrokrampftherapie. Was in „A Beautiful Mind“ noch als heftiges Krampfgeschehen für geschockte Zuschauer sorgte (der Film spielt in den 60er Jahren), sieht in „Schattenzeit“ dank Kurznarkose und Muskelrelaxation geradezu friedlich aus – dennoch bleibt die hier in Deutschland angewandte, modifizierte EKT trotz eindeutiger Behandlungserfolge ein kontrovers diskutiertes Verfahren. Während Olaf, bei dem Medikamente nicht halfen, davon überzeugt, dass die Therapie in seinem Fall wirksam war, schlug sie bei Mona nicht an. Der Regisseur wurde durch den Klassiker „Einer flog übers Kuckucksnest“ auf dieses Verfahren aufmerksam und zu seinem Projekt inspiriert. Doch der Plan, einen Film über – im Volksmund – „Elektroschocks“ zu drehen, wich im Laufe der Recherchen und Vorbereitungen der Erkenntnis, dass die Krankheit Depression das eigentliche Thema ist.

Mit seiner schonungslosen Dokumentation ist Theus nun ein aufklärender Film gelungen, der nie stilisiert oder rührselig wird. Er verzichtet auf einen Off-Kommentar sowie Hintergrundmusik und hört zu, statt zu erzählen. In stark entsättigten, blaustichigen und vignettierten Bildern zeigt Theus die Patienten in ihrem privaten Umfeld, in der Klinik und bei der Behandlung, ohne dabei effekthascherisch vorzugehen. Heraus gekommen ist eine 60-minütige Doku, die aufgrund der eindrucksvollen Aufarbeitung eines allzu unbekannten Themas absolut ihre Existenzberechtigung hat.