<< Pulp Fiction (1994)
Schattenzeit (2010) >>
Die Filmdose

RESERVOIR DOGS (1992)

R/D: Quentin Tarantino | K: Andrzej Sekula | ca. 95 Min. | Filmkritik von David J. Lensing

KAPITEL 2: DEBÜTFILM

„Who the hell are you to be making your first picture with Harvey Keitel? He’s not a star – he’s a planet!” Mit diesen Worten soll Regie-Urgestein Samuel Fuller dem Mann begegnet sein, der 1992 als Debütant das Sundance Film Festival rockte: der 28-jährige Quentin Jerome Tarantino. Sein Erstlingswerk lief außer Konkurrenz und schlug bei der Premiere trotz Stromausfall, Filmriss und falscher Filmprojektor-Linse ein wie eine Bombe: „Reservoir Dogs“ machte den bis dahin unbekannten Videothekar und seinen Kollegen Lawrence Bender über Nacht berühmt. In dem klassischen Heist-Movie geht es um ein paar Gangster, die ein paar Diamanten klauen wollen – doch der große Coup wird nicht gezeigt. Stattdessen konzentriert sich der Film ausschließlich auf das Vor- und Nachspiel des missglückten Raubüberfalls. Dieser von Kritikern und Fans als genial empfundene, dramaturgische Schachzug hatte ursprünglich weniger einen künstlerischen als vielmehr einen logistischen Grund: Je weniger Action, desto weniger Kosten. Immerhin wollte Tarantino den Streifen wieder mit seinen Kollegen aus den „Video Archives“ drehen – wie 1987 schon „My Best Friend’s Birthday“ mit einem Budget-Minimum auf 16 Millimeter. Zum Glück bekam der Filmproduzent Lawrence Bender das Drehbuch vorher in die Hände. Seiner Begeisterung und Connections ist es zu verdanken, dass aus „Reservoir Dogs“ mehr geworden ist, als ein ambitionierter Amateurfilm – und zwar ein Klassiker!

Schon der Prolog ist legendär: In der Eröffnungsszene lernt der Zuschauer die Gangster im Rahmen einer Konversation am Frühstückstisch kennen. Sieben Minuten Smalltalk über Madonnas Hit „Like a Virgin“ und den Sinn von Trinkgeldern treiben die Handlung des ohnehin nur anderthalb-stündigen Films kein bisschen voran, bieten stattdessen aber eine originelle und coole Vorstellung der Protagonisten Mr. White (Harvey Keitel), Mr. Orange (Tim Roth), Mr. Blonde (Michael Madsen), Mr. Pink (Steve Buscemi), Mr. Blue (Edward Bunker), Mr. Brown (Quentin Tarantino selbst), Nice Guy Eddie (Chris Penn) und Gangster-Boss Joe Carbot (Lawrence Tierney) – eine durch und durch großartige Besetzung, die in den wenigen Wochen, in denen der Film in Los Angeles abgedreht wurde, mit meisterhaftem Schauspiel auftrumpfte. Nicht immer stimmt zwischen so vielen Stars die Chemie derart gut: Das homogene Zusammenspiel der stilsicheren Bad Boys sind das Ass eines Regisseurs, der seine Geschichte über weite Strecken wie ein Theaterstück inszeniert. Die Bühne ist ein altes Lagerhaus, in dem sich die Gangster nach dem misslungenen Coup treffen, um herauszufinden, wer von ihnen der Verräter ist – denn die Polizei traf wesentlich früher ein, als erwartet, und der saubere Überfall verwandelte sich in ein chaotisches Blutbad. Die Suche nach der Ratte in den eigenen Reihen entwickelt sich zu einem psychologisch ausgetüftelten Charakterdrama, das nicht von der Auflösung des Rätsels, sondern von den Wortgefechten und einem findigen Erzählstil lebt. Mit diesem Film etabliert Tarantino seine unverkennbare Handschrift, die sich durch dialoglastige Szenen, knallhart inszenierte Actionschnipsel und vor Coolness strotzende Figuren auszeichnet.

Ein Vieraugengespräch aus einer Korridorlänge Entfernung zu drehen, setzt ein großes Vertrauen in die Wirkung des eigenen Drehbuchs voraus. Die Kamera von Andrzej Sekula agiert zurückhaltend. Zweimal wird von der Halbnahen in eine Großaufnahme gezoomt – jeweils zur Betonung der emotionalen Zerrissenheit. Abgesehen davon ist die Kamera stets ein unaufgeregter Beobachter, der aus ruhigen Einstellungen das Geschehen zeigt, ohne durch Spielereien Teil dessen zu werden. Die Regieeinfälle finden sich in der Struktur des Films: Die Chronologie der Szenen einem packenden Spannungsbogen unter zu ordnen, ist weiß Gott nicht originell. Doch hier dienen die Rückblenden, die immer genau dann zum Zuge kommen, wenn den Jungs in der Lagerhalle gerade die Luft auszugehen scheint, keinem billigen Aha-Effekt. Die Auflösung ist nicht etwa der Höhepunkt des Films, sondern leitet wiederum vergleichsweise früh die letzte und ausführlichste Rückblende ein: Hier begleitet der Zuschauer einen Cop bei dessen Ausbildung zum Undercover-Gangster. In diesem genialen Subplot geht es schlicht und ergreifend darum, wie man eine fiktive Geschichte gut und glaubwürdig erzählt – ein Fach, in dem Tarantino (welch Ironie) meisterhaft ist. Das hat er mit „Reservoir Dogs“ bewiesen und seitdem in eindrucksvollen Filmen immer wieder betont. Sein Werk ist mit zahlreichen Querverweisen zu einem großen Ganzen verstrickt: dem Tarantino-Universum. Schon in seinem Debüt legte er für dieses Konstrukt die Grundsteine, wie zum Beispiel das K-Billy Radio oder den ersten der berüchtigten Vega-Brüder. Über diese internen Anspielungen hinaus ist das Werk des cinephilen Legasthenikers mit Zitaten aus anderen Filmen gespickt – so sehr, dass böse Zungen von einer einzigen Zitierwut ohne eigenen Input sprechen: Tarantino verwendet zum Beispiel den Wilhelmsschrei aus „Die Teufelsbrigade“ und gibt seinen Protagonisten Farb-Pseudonyme, die an „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ erinnern. Für Filmfreaks ist dieses Potpourri aus Querverweisen ein wahres Fest. Es sind Gimmicks, wie einst Hitchcocks Cameo-Auftritte, für die aufmerksamen Zuschauer und Insider – und ein Markenzeichen der „video store generation of filmmakers“, wie das Variety es so schön nannte: Als wohl markantester Vertreter dieser Generation hat Tarantino sein Wissen eben nicht von der Filmschule, sondern aus der Filmgeschichte, die zu huldigen und bereichern er nicht müde wird.

Lesenswert: Das hervorragende Essay “Are You Gonna Bark All Day, Little Doggy, Or Are You Gonna Bite?” von Edward O’Neil über den schicksalhaften Helden des hochmoralischen Charakterdramas “Reservoir Dogs”.