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Die Filmdose

PULP FICTION (1994)

R/D: Quentin Tarantino | K: Andrzej Sekula | ca. 148 Min. | Filmkritik von David J. Lensing

KAPITEL 3: KULTFILM

I never had to worry that I was gonna die before I made a movie. God had put me on earth to do this thing. […] After Pulp Fiction, maybe I could go.” Aber er lebt immer noch. Der Mann, der die Schule abbrach, um Schauspielunterricht zu nehmen. Der Mann, der wegen eines offenen Strafzettels im Knast saß und im Pornokino Karten kontrollierte, um sich über Wasser zu halten. Der Mann, der seinen Namen der Figur Quint Asper aus der Westernserie „Rauchende Colts“ zu verdanken hat: Quentin Tarantino. 1963 von einer 16-Jährigen in Knoxville geboren, 1994 von Presse und Jury in Cannes gefeiert. Über sein Debüt schrieb Roger Ebert noch „I liked what I saw, but I wanted more“ – einen Film später nennt er ihn den Jerry Lee Lewis des Kinos: Ein umwerfender Künstler, der einen Scheiß drauf gibt, ob er das Piano zertrümmert, solange das Publikum steil geht. Wie schrieb Chuck Palahniuk so schön? „The goal isn’t to live forever, the goal is to create something that will.” Mission accomplished: Mit dem Episodenfilm „Pulp Fiction“ hat Tarantino die Filmgeschichte um einen Meilenstein bereichert und seinen Namen unsterblich gemacht.

Worum es geht, tut nichts zur Sache. Gangster, die Ganster-Sachen machen. Alles, was man über die zahlreichen Geschichten rund um die durchtriebenden Figuren wissen muss: Sie sind durchweg sehenswert! Dass es für den mit diesem Streifen etablierten, tarantinoesken Stil kein Rezept gibt (á la „lass die Auftragskiller Smalltalk führen, schmeiß die Chronologie durcheinander und inszeniere Gewalt kurz aber deftig“) haben etliche Filmemacher gezeigt, die genau danach gesucht haben: nach der Coolness! Zwar gibt es gelungenen „Pulp“ – wie den britischen „Bube, Dame, König, GrAs“ und den deutschen „Bang Boom Bang“ – aber an das Original reichen sie nicht heran, was zu einem beachtichen Teil an der Performance folgender Herren liegt: Samuel „Bad Motherfucker“ Jackson, Bruce „Coolidge“ Willis und nicht zu vergessen John „Vincent“ Travolta sind in ihren Rollen so abartig lässig, dass es Spaß macht, ihnen zuzusehen. Mit seinem „Ex-Freund“ Roger Avary (der in den Credits letztlich nur als Ideengeber für eine Episode aufgeführt wird) hat Tarantino damals ein Drehbuch geschrieben, das die Protagonisten von einer bizarren Situation in die nächste treibt – eine irrsinnige Spirale, die für zwei arme Schweine im Folterkeller dreier Lederfetischisten endet. Zwar sauber in Kapitel aufgeteilt, dennoch so unchronologisch erzählt, kann man sich diesen facettenreichen Kultfilm auch zum zehnten Mal anschauen, ohne Langeweile zu riskieren.

Wie schon sein Debüt „Reservoir Dogs“ beginnt Tarantinos bester Streich in einem Coffee Shop – und wieder sitzt dort Tim Roth, diskutiert aber nicht mit den Dogs über Trinkgeld, sondern mit seinem Honey Bunny über einen spontanen Überfall. Als Kleinganoven-Duo eröffnen die beiden einen Film, in dem mehr geredet, als gehandelt wird – ein Killerkriterium, wenn es nicht die Art von Gerede wäre, von der man sich wünscht, es würde nicht aufhören: Dialoge und Monologe (wie „Die Geschichte der Armbanduhr“ vorgetragen von Kriegsveteran Cpt. Koons alias Christopher Walken) sind in diesem Film so punktgenau, glaubwürdig und witzig, dass sie als tragendes Element in einem ansonsten visuell absolut solide eingefangenen Episodenfilm zur Geltung kommen. Und natürlich mangelt es auch in „Pulp Fiction“ nicht an Querverweisen: Wer von Mr. Blonde alias Vic Vega begeistert war, lernt hier den nicht minder eindrucksvollen Bruder Vincent Vega kennen. Außerdem taucht im Tarantino-Universum erstmals ein Hanzo-Schwert auf – ein Requisit, das in „Kill Bill“ später eine wichtige Rolle spielen wird. „Pulp Fiction“ ist ein Ausflug in die Welt der Kriminellen, Menschen wie Du und ich, nur ne Ecke cooler, denen man bei allem was sie machen, zusehen will. Ob Tarantino selbst noch beantworten kann, wie er das gemacht hat? Dieser bislang beste Film in seiner Vita ist wie ein Feuerwerk: Es knallt, ist bunt und Du kommst aus dem Staunen nicht raus.