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Die Filmdose

OLDBOY (2003)

R: Park Chan-wook | D: Hwang Jo-yoon | K: Jung Jung-hoon | ca. 120 Min. | Filmkritik von David J. Lensing

KEIN AUGE ZUDRÜCKEN

Liebe Manohla Dargis,

die Frage, was ein Mann, der einen lebenden Kalmaren verspeist und anderen Männern mit einem Hammer den Schädel einschlägt, mit Kunst zu tun hat, ist keine gute Herangehensweise an den Film „Oldboy“ – und was den Vergleich mit Pasolini und Peckinpah angeht, eine Gegenfrage: Haben ein nacktes Mädchen, das gezwungen wird, Scheiße zu fressen, oder ein Kerl, der einem Anderen mit einer Bärenfalle das Genick bricht, mehr mit Kunst zu tun? Klar, es kommt immer auf den Kontext an, aber bei manchen Filmen macht es – auch wenn es angesichts der visuellen Kraft schwerfällt – Sinn, sich vom Kunstbegriff zu lösen. „Oldboy“ ist so ein Film, denn ob er mehr sein will oder nicht, Park kombiniert im zweiten Teil seiner losen Rache-Trilogie einen hakenschlagenden Plot mit einem beeindruckenden Bilderreigen zu Unterhaltungskino auf so hohem Niveau, dass er sein Publikum spaltet: In diejenigen, die den Streifen bedingungslos lieben, und diejenigen, die ihn eben dafür hassen. Dafür, dass er vor allem mit virtuosen Kameraideen begeistert (als sei dies für das Medium Film ein No-Go) und mit ästhetischen Stärken dramaturgische Schwächen verschleiert. Dafür, dass er als „Kino der Kalendersprüche“ schöne Worte findet, wo natürlich auch Plattitüden die Handlung vorantreiben würden. Dafür, dass er seine innere Logik mit so vagen Mitteln wie Hypnose zu erhalten versucht und mal wieder eines dieser von europäischer Seite so überwerteten Asia-Meisterwerke ist. Und das ist „Oldboy“: Ein Meisterwerk. Sagt ein cinephiler Amateurfilmer aus Bocholt, leicht zu begeistern und schwer zu bekehren. Dieses Urteil ist vielleicht nicht so fundiert wie das eines Roger Ebert, aber mindestens so objektiv – nämlich kein bisschen.

Jede jetzt aufgeführte Begründung dieser Meinung käme wie eine Rechtfertigung der Begeisterung für den durchaus kontroversen Film daher. Drum lassen wir’s dabei und halten uns an die Fakten: „Oldboy“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der auf offener Straße entführt und 15 Jahre lang scheinbar grundlos gefangen gehalten wird. Wieder auf freiem Fuß macht er sich auf die Suche nach seinen Kidnappern, um sich für die verlorene Zeit zu rächen. Klingt nach dem Grafen von Monte Christo? Dessen ist sich Park bewusst. Nicht auszuschließen, dass er sich von dem Klassiker gar hat inspirieren lassen – jedenfalls ist es dem Regisseur eine Anspielung wert. Im Zuge seines Rachefeldzuges lernt besagter Mann die junge Mido kennen und lieben. Was es mit dieser Liason auf sich hat, wird von Kritikern gerne als konstruiert bezeichnet. Gut beobachtet, aber kein Punktabzug. Nicht für eine Geschichte, die den Zuschauer beeindruckt, wie die Konstruktion eines talentierten Architekten den Betrachter beeindruckt – eine Geschichte, die alles andere als aus dem Leben gegriffen ist, sondern für das Kino geschrieben wurde. Park Chan-wook will nicht die kulturgesellschaftspolitische Auseinandersetzung des Zuschauers unter Berücksichtigung ethischer Aspekte, sondern einfach nur seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Die bekommt er, denn über seine Laufzeit von 120 Minuten kommt vielleicht Empörung oder Abneigung, aber sicher keine Langeweile auf. Selbstverständlich ist es ein Leichtes, sein Publikum mit der richtigen Musik emotional zu packen – trotzdem bleibt es ein Schweres, die richtige Musik zu finden. Das ist „Oldboy“ gelungen: Der Soundtrack spielt in diesem Werk, das mehr Wert auf das Entwirren eines Rätsels als auf die Entfaltung eines Charakters legt, neben der eindrucksvollen Kameraarbeit von Jung Jung-hoon die erste Geige. Doch letztendlich muss jeder selbst entscheiden, ob er sich den Film mit all seinen Stärken und Schwächen wirklich antun möchte.

Danke, dass Sie bis zum Ende dieser schrecklichen Kritik ausgehalten haben.