MEIN TRAUM ODER: DIE EINSAMKEIT IST NIE ALLEIN (2008)
R/D: Roland Reber | K: Jürgen Kendzior, Bene Zenbauer, Mira Gittner | ca. 100 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
SUCHE NACH DEM SINN
„Das ist nachdenkenswert“, reagiert der MANN kurzum, als die Müllsammlerin GODOT wiederholt mit einer existenziell-philosophischen Gegenfrage auf seine Frage antwortet. Auf nächtlicher Reise durch die „Därme der Stadt“ – das unterirdische Kanalsystem – steht das Fragezeichen stets als zentraler Fixpunkt zwischen dem namenlosen Weggegangenen (dargestellt von Wolfgang Seidenberg), der seine von notorischen Wiederholungen geprägte Vergangenheit hinter sich lassen will, und seiner neuen Weggefährtin (Mira Gittner). Denn Antworten sind in dem Film „Mein Traum oder: Die Einsamkeit ist nie allein“ spärlich gesät. Die ewige Suche nach dem Sinn des Lebens scheint das Thema zu sein, obgleich noch sehr viel mehr in Frage gestellt wird. Bemerkenswert ist die Art und Weise, wie sich der MANN an das Leben mit seiner FRAU (Marina Anna Eich) und seiner GELIEBTEN (Sabrina Brencher), die er beide verlassen hat, erinnert: mit knallbunten Rückkopplungen im Fernsehformat. Ob im Rahmen der TV-Show „Nur die Einsamkeit zählt“ oder in abgedrehten Werbespots, der Protagonist sieht stets lediglich das mediale Abbild seiner selbst, beziehungsweise der Personen um sich herum: des Holocaust-leugnenden VATERs (Wolfram Kunkel) oder des FREUNDes (Andreas Heinzel). Diese „Fernsehclips“ werden nicht chronologisch, sondern kreuz und quer in die zähe Odyssee der Sinnsuchenden eingebunden.
Regisseur Roland Reber nennt das medienkritisch. Seine Kritiker nennen es konstruiert und prätentiös. Andere kreativ und herausfordernd. Mit seinen diversen Effekten, Farben und schnellen Schnitten ist der Film keine leichte Kost, kein Unterhaltungskino, sondern eine Aufgabe an den Zuschauer, die Durchhaltevermögen abverlangt. In seinen 100 Minuten Spielzeit vereint Rebers neuster Streich mehrere Genres mit theatralischen Elementen, was wenig verwundert: Als Vorlage diente ein Theaterstück, dass Reber selbst im Jahr 1985 im Ruhrgebiet inszeniert hat. Bei der Adaption sind allerdings nur noch Rudimente der ursprünglichen Version übrig geblieben. Dem Regisseur zufolge sind zahlreiche Ideen spontan bei den Dreharbeiten entstanden. Genau diesen Eindruck macht das Ergebnis an vielen Stellen: Die Szenenwahl und Komposition wirken willkürlich, eine Spielwiese für selbsterklärte Philosophen, denen man einen Camcorder in die Hand gedrückt hat.
Für Reber galt das Projekt als abgeschlossen, sowie das letzte Take im Kasten war. Mit dem Schnitt hatte er nichts mehr zu tun: Dafür war Mira Gittner, die GODOT-Darstellerin, zuständig und ist Rebers Wunsch, „schrille Bilder“ zu entwerfen, eindeutig gerecht geworden. „Der Traum oder: Die Einsamkeit ist nie allein“ spaltet das Publikum in jene, die den Film nicht schnallen und hassen, und jene, die den Film nicht schnallen und lieben. Zuschauer, die glauben den Film verstanden zu haben, werden ihm damit am wenigsten gerecht, denn dieser Film entzieht sich einer eindeutigen Interpretation. Aber eben darum geht es Reber und seiner Stamm-Crew: Sie wollen keinen Mainstream, kein 08/15 Entertainment produzieren. Und zwar auf Teufel komm raus. Im Gegensatz zu Rebers Streifen „24/7 – The Passion of Life“ ist dieser Film höher im intellektuellen Anspruch, wenn man so will, aber inhaltlich vergleichsweise handzahm. Ein Schaf im Schafspelz. Während das letzte Werk noch auf Provokation getrimmt war, wird dieser Film seine Zuschauer schlimmstenfalls langweilen.
