IN EINER BESSEREN WELT
R: Susanne Bier | D: Anders Thomas Jensen | K: Morten Søborg | ca. 113 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
Zuvor erschienen im Schnitt Magazin
AUGE UM AUGE ODER ANDERE WANGE
Das Unangenehme angenehm zu finden, ist den Masochisten und Filmfreunden vorbehalten – wenn der Schlag ins Gesicht sitzt und ein aufregendes Kribbeln hinterlässt. „Little pussy, big knife“ ist so ein Schlag. Mit dieser Dialogzeile treibt ein afrikanischer Sadist die spannende Konfrontation seiner selbst mit dem Arzt eines Flüchtlingscamps zur Eskalation. Was folgt, ist ein unangenehmer Höhepunkt in der neusten Zusammenarbeit von Regisseurin Susanne Bier und Drehbuchautor Anders Thomas Jensen – einer von vielen Höhepunkten, denn mit „In einer besseren Welt“ backt das dänische Künstlerduo dieses Mal ganz große Brötchen.
Natürlich ist es ein Familiendrama, etwas anderes sind wir von Susanne Bier gar nicht gewohnt. Dass sie dieses Genre verinnerlicht hat, meisterlich beherrscht und dabei stets eine abwechslungsreiche Handschrift behält, davon zeugt ihre Filmografie, die von Dogma-Beitrag bis (zuletzt) Hollywood-Ausflug lauter kleine Perlen umfasst. Der 2006 entstandene „Nach der Hochzeit“ kommt dem neusten Streich dabei am nächsten, sieht ähnlich aus, trifft einen ähnlichen Ton, überschreitet die geografischen Grenzen zwecks kulturellen Kontrastprogramms – doch es geht nur um Jacob, der sich entscheiden muss, ob er den indischen Waisenkindern besser vor Ort oder aus der eigenen Heimat helfen kann. Das konkrete Problem einer konkreten Figur. Der Rahmen ist überschaubar abgesteckt. Mit „In einer besseren Welt“ geht es Bier und Jensen um mehr. Mehr Figuren, mehr Probleme, mehr Bedeutung. Das ambitionierte Vorhaben befasst sich mit dem universellen, stets aktuellen Thema „Gewalt“: wie gehe ich ihr aus dem Weg, wie begegne ich ihr, wenn eine Konfrontation unausweichlich ist? Die Message ist denkbar banal: Gewalt erzeugt Gegengewalt – die altbekannte Spirale.
Dass dieser Film viel Angriffsfläche bietet, ist klar. Als Abräumer von Golden Globe und Oscar für den „besten fremdsprachigen Film“ scheint er gezielt dafür gemacht worden zu sein. Ein Film für die Academy. Ein Prestige-Projekt. Entweder das oder blinde Überheblichkeit möchte man Susanne Bier vorwerfen, wenn sie es wagt, ihr so gekonnt inszeniertes, intimes Familiendrama aus den Angeln zu heben und in einen größeren, generationen- und länderübergreifenden Zusammenhang zu stellen. Ganz offen setzt sie sich in ihrem Werk mit den biblischen Ansätzen auseinander:
Auge um Auge oder andere Wange? Beide Lager werden einander gegenübergestellt, nicht nur in Form besagten Arztes, der sich der anscheinend omnipräsenten Gewaltfrage in Afrika stellen muss – auch sein Sohn Elias in der dänischen Heimat, von den Mitschülern gemobbt, von den Eltern vernachlässigt, weiß keine Antwort. Er lässt sich von Schulfreund Christian, der nach dem Krebstod seiner Mutter den Bezug zu seinem Vater verloren hat, zu einer üblen Racheaktion hinreißen, einem dummen Jungenstreich mit verheerenden Folgen. Insgesamt greift „In einer besseren Welt“ in zwei zentralen Plots zahlreiche Probleme zahlreicher Protagonisten auf. Für Roger Ebert ist das alles in allem zu viel für einen Film, für Ella Taylor „compassion porn“ mit guten Absichten.
Es scheint, als wolle „In einer besseren Welt“ in der Liga großer Werke spielen, nicht ganz so pessimistisch wie Alejandro González Iñárritus Gewalt-Trilogie, nicht ganz so episch wie Paul Thomas Andersons „Magnolia“, aber es passt, man kann Detective Sumerset zitieren, der Ernest Hemingway zitiert – „Die Welt ist schön und wert, dass man um sie kämpft. Letzterem stimme ich zu.“ – und annehmen, dass Bier diesen Kampf auf Celluloid austragen möchte. Ihre ambitionierte Parabel von Vergeltung und Vergebung, von Leben und Tod, davon wie es ist und wie es sein sollte, hat das Ziel, Gedanken ins Rollen bringen und den geneigten Zuschauer dazu motivieren, die eigenen, moralischen Maßstäbe zu überdenken. Ein nobles Anliegen, das bei der breiten Masse Anklang finden wird – denn „In einer besseren Welt“ ist kein verkopftes Kino mit erhobenem Zeigefinger, sondern schlichtweg zwei Stunden gute Unterhaltung auf hohem Niveau. Also alles, was man von einem Film will, mit Option auf mehr.
