HIGANJIMA (2009)
R: Tae-Gyun Kim | D: Tetsuya Ôishi | K: Shinji Kugimiya | ca. 122 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
Zuvor erschienen im Schnitt Magazin
RULE # 4: DOUBLETAP
Wer kennt das nicht? Da schaut man sich einen ausländischen Film an und die deutsche Synchro verdirbt einem den ganzen Spaß. Auch wenn die Originalsprache als gängiges DVD-Feature nur einen Knopfdruck entfernt ist, bei asiatischer Filmkunst bringt das den hiesigen Otto-Normalbürger nicht weiter. Hier gibt’s einen klaren Pluspunkt für „Higanjima“: Diesen Streifen kann man sich getrost im japanischen Originalton anschauen, ohne Verständnisprobleme zu riskieren – denn die Dialoge tragen dazu nichts bei. Im Gegenteil: Sie verwandeln die allzu ernst gemeinte Manga-Adaption in eine unfreiwillige Komödie. Die Krone geht an den Synchronsprecher des topfrisierten Nebendarstellers Tomohisa Yuge, der stellenweise eins zu eins wie der unverwechselbare Fred Fenster alias Benicio Del Toro aus „Die üblichen Verdächtigen“ in seinen nicht vorhandenen Bart nuschelt. Nimmt man jetzt noch die Gabelstapler-Klaus-Hommage hinzu, durch die ein Vampir mit hulkmäßig grünem Teint draufgeht, muss man schon sagen: Für das deutsche Publikum ist „Higanjima“ ein Heidenspaß.
„Schluss mit weichgezeichneten Vampir-Romanzen! Auf der Vampirinsel Higanjima wird wieder gebissen, zerfetzt und geköpft, dass das Blut nur so spritzt“, heißt es auf dem DVD-Rücken. Dieser Ansage wird der Streifen gerecht: Den Blutsaugern geht potentieller Pattinson-Charme unter Tonnen von Make-Up völlig ab und selbst der adrette Obervampir weiß als offenkundiger, aber leider einfallsloser Sadist (immerhin: im Zweikampf ist seine Waffe ein Fächer) keine Sympathien zu gewinnen. Da der Zuschauer sich ebenso wenig mit dem stereotypen Haufen Teenager identifizieren möchte, der sich treudoof auf die mörderische Insel locken lässt, bleibt er emotional zwischen den Stühlen hängen. Die Freude am Gore-Faktor ist letztlich ein ausschlaggebender Punkt, um Gefallen an dem Film zu finden. Denn obwohl Akira (gespielt von Hideo Ishiguro) dort seinen verschollenen Bruder sucht, stoßen er und seine Freunde auf ein Nest voller Vampire und das Schlachtfest beginnt. Trotz Spielereien wie Blutspritzern auf der Kameralinse sind die CGI-Effekte über weite Strecken nicht halb so grausig, wie im ansonsten ähnlichen Genrezwitter „Zombie Killer – sexy as hell“. Erst auf den letzten paar Metern, wenn (so viel sei verraten) im finalen Showdown alle Protagonisten mordlustig aufeinandertreffen, gesellt sich von irgendwoher ein drachenartiges Ungeheuer dazu und wirft die Frage auf: Was war so schlecht an den Trickeffekten der 80er Jahre? Die ranzigen Mumien aus „A Chinese Ghost Story“ waren jedenfalls schockierender, als dieser computergenerierte und vor allem unkaputtbare Endgegner (ein Ausflug nach Zombieland lehrt die Regel # 4: Doubletap – doppelt hält besser!). Technische Mittellosigkeit ist nicht zwangsweise ein Minuspunkt: „Lesbian Vampire Killers“ ergötzt sich geradezu an bescheidenen Effekten – allerdings mit einem Augenzwinkern, statt mit einem epochalen Tusch und Sätzen wie „Unser Leben wird nie wieder so sein, wie es einmal war.“
Mal abgesehen vom Plattitüden-Drehbuch, erschaffen Regisseur Tae-Gyun Kim und sein Team eine neue Art von Vampiren. Könnte das geflügelte Wesen noch von „Daybreakers“ inspiriert sein, so sind die anderen Inselbewohner ziemlich eigen: Immun gegen alle helsingschen Mittel und auch bei Tage schwer aktiv. Ein Blick ins Making Of gibt einen Eindruck davon, wie schwierig die Kommunikation an einem bilingualen Set ist. Vielleicht ist die Klarheit, welches Genre man denn nun bereichern möchte, irgendwo im gedolmetschten Dialog zwischen dem koreanischen Regisseur und seinen japanischen Darstellern verloren gegangen. Wahrscheinlicher ist, dass der detailverliebte Tae-Gyun Kim genau diese Mischung aus Splatter-Action, Drama und Teenie-Humor haben wollte – und das nicht zum letzten Mal. Die Schlussszene lässt keinen Zweifel daran, dass man soeben den Auftakt zu einem Zweiteiler, wenn nicht gar einer Trilogie gesehen hat. Na dann, lass krachen.
