DONNIE DARKO (2001)
R/D: Richard Kelly | K: Steven B. Poster | ca. 108 Min. | Filmkritik von Kevin Ramolla
ALLES INTERPRETATIONSSACHE!
Warum erwacht der Teenager Donnie Darko nur ständig an anderen Orten, obwohl er doch in seinem Bett eingeschlafen ist, und warum verfolgt ihn dauernd eine seltsame Gestalt im Hasenkostüm? Wenn das doch bloß die einzigen Fragen wären, die man sich als Zuschauer dieses Filmes fragen muss. Regisseur Richard Kelly reißt mit dieser Kreuzung aus Zeitreisen-Science-Fiction und Coming-Of-Age-Drama einen recht großen Fragenpool auf. Um auch nur zu glauben alles verstanden zu haben, wird es garantiert nicht reichen, sich diesen Film nur einmal anzuschauen. Der Zuschauer begibt sich zusammen mit Donnie auf eine kompromisslose Selbstfindungsreise.
Donnie scheint in einer heilen Welt zu leben, stammt aus einer typisch amerikanischen Vorstadt- und Vorzeigefamilie und geht auf die christlich anständige, esoterisch angehauchte Middlesex High School. Wären da nicht die besagten Hasenauftritte und seine ständigen Weltuntergangs-prophezeiungen, wäre Donnie Darko bloß ein netter Junge aus der Nachbarschaft und der Film nicht seinen Kultstatus wert. Das, was dem armen Teenager das Leben erschwert und den Film so köstlich macht, bezeichnet seine Psychiaterin allgemein hin als eine paranoide Schizophrenie, die eben solche Tageslichthalluzinationen mit der Hasengestalt in der Hauptrolle zulässt. Doch diese unheimliche Karikatur eines Bugs-Bunny-Albtraums rettet Donnie eines Tages das Leben, als er wieder einmal schlafwandelnd das Haus verlässt und so dem Einschlag einer Flugzeugturbine in sein Zimmer entkommt. Von diesem Punkt an verspricht Donnie dem Hasen Frank zu gehorchen, da er ja sein Leben gerettet hat. Donnie beginnt dank Frank an der Existenz der ihm vorgegebenen Welt und seiner Wege zu zweifeln. Er verstrickt sich immer weiter in Zeitreisestudien und Gedanken über Paralleluniversen. Frank überzeugt Donnie, dass die Welt in einigen Wochen vor ihrem Ende steht.
Neben seiner äußerst komplexen Thematik Wurmlöcher und Existenztheorien betreffend, hat die Handlung sogar noch Platz für ein kleines nettes Liebesdrama gefunden, welches den Charakter Donnie noch etwas lebendiger und aktiver gestaltet, da er neben dieser sich entwickelnden Beziehung zu seiner neuen Mitschülerin und Nachbarin Gretchen, gespielt von Jena Malone, recht apathisch, desinteressiert und depressiv wirkt. Doch mal im Ernst: Von einem Hasen verfolgt zu werden, der in die Zukunft sehen kann, ist wirklich nicht lustig. Des Weiteren wird Donnie mit dem Tod konfrontiert, und das Gefühl seiner Einsamkeit und sein pessimistisches Weltbild nagen an unserem Nervenkostüm und sollten uns selbst sehr nachdenklich stimmen. Da man als Zuschauer durchgehend Donnie verfolgt und sich seiner Gefühlswelt und dem daraus resultierenden Chaos annimmt, ist es auf Dauer schwierig, zwischen Realität und tablettenbedingter Fiktion zu unterscheiden. Durch Donnies Augen wird man mit Gottespfaden und Portalen konfrontiert, die aber auch nur er zu sehen scheint. Auch kann nicht eindeutig geklärt werden, ob der Wahrsagerhase Frank nun wirklich existiert oder wie viele andere Indizien bloß eine Ausgeburt von Donnies Geisteskrankheit ist. Aber eben solche Verschiebungen der Tatsachen machen diesen Film und seine Thematik so erstaunlich und sehenswert. Richard Kelly weiß seine Zuschauer sehr gut zu verwirren, aber gleichzeitig auch durch Hinweise und weitere Rätsel am Ball zu halten und zu faszinieren.
Parallel zu seinem poetisch, philosophisch hochwertigem Stil ist der Film auch kamera- und lichttechnisch einwandfrei beeindruckend gestaltet und beweist unter anderem choreographisch wertvolles Talent, als beispielsweise Donnies Schule und Innenleben in einer einminütigen Einstellung mit vielen Kameradrehungen und exaktem Personentiming vorgestellt werden. Neben der talentierten und charmanten Drew Barrymore, die hier in ihrer Nebenrolle als Lehrerin an Donnies Schule arbeitet, aber aufgrund der stupiden Vorschriften und den oberflächlichen Schwarz-Weiß-Erziehungsmethoden der Schule nicht zu den Schülern durchdringt und versagt, übernahm auch Patrick Swayze eine äußerst komische Nebenrolle als unsympathischer Lebensmotivator und Esoterik-Guru mit einem dunklen Geheimnis. Der Film spielt in den 80er Jahren und die geniale musikalische Unterlegung durch Künstler wie Duran Duran oder The Church untermalen dies „retrotastisch“. Als kino- und somit massentauglich hat sich der Debütstreifen mit seiner diskussionsträchtigen Philosophie über Zeitreisen leider nicht erwiesen und wurde erst nach der DVD-Veröffentlichung bekannter. Mittlerweile hat er einen gewissen und auch verdienten Kultstatus erlangt und schmückt sich mit vielen Anhängern und Diskussionsforen. Er hinterlässt den Zuschauer mit offenem Mund und einem großen Bedürfnis nach Aufklärung. Jedoch wird man mit einer großen Palette von Interpretationsmöglichkeiten zurückgelassen und muss sich damit begnügen, dass selbst Richard Kelly keine endgültige Deutung hervorhebt. „Donnie Darko“ ist ein Film der nach Antworten sucht und letztendlich nicht unbedingt welche findet, aber es auch nicht muss.
