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Die Filmdose

DIE SCHWINDLER (1955)

R/D: Federico Fellini | D: Ennio Flaiano, Tullio Pinelli | K: Otello Martelli | ca. 108 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
Einen Artikel über Fellinis Werk gibt's im Schnitt Magazin

GEH NACH HAUSE, KLEINER MANN

Das Mädchen küsst den Ring und Hochwürden schießt die Schamröte ins Gesicht. Der Zuschauer sieht es nicht – denn der Film ist schwarzweiß – doch er weiß es. Denn Hochwürden ist ein Betrüger. Und gerade als man glaubt, den falschen Geistlichen würden die Gewissensbisse endlich bekehren, wendet er sich von dem gelähmten Mädchen ab und geht, ohne das gestohlene Geld zurückzugeben, vom Licht in den Schatten, wo seine Komplizen warten. Glauben ist Wissen minus Fakten. Mehr sei zum Auftakt der finalen Szene von Federico Fellinis „Die Schwindler“ nicht gesagt.

Der italienische Originaltitel „Il Bidone“ bedeutet „Der Gauner“ und meint besagten Pseudobischof alias Augusto gespielt von Broderick Crawford. Er verkörpert in der Tat den tragenden Charakter in Fellinis sechster Regiearbeit, steht aber nicht allein im Fokus. Die deutschen Verleiher betitelten den Film unter Berücksichtigung von Augustos Komplizen treffender als „Die Schwindler“, ein Trio, das sich – gar nicht Robin Hood-like – an die Ärmsten der Armen wendet, um ihnen das Geld aus den Taschen zu quatschen und sich selbst zu bereichern. Ganz im Sinne der neorealistischen Vorsätze gibt es keine Helden in diesem Film. Die drei Protagonisten Augusto, Picasso und Roberto könnten unterschiedlicher nicht ausfallen und doch fällt es dem Zuschauer schwer, einen Sympathieträger zu finden. Dafür sind die Figuren zu menschlich, zu makelhaft. Über anderthalb Stunden ist die Kamera der stille Beobachter skrupelloser Betrugsszenarien, in denen den charismatischen Herren niemand im Wege steht – bis sie es schließlich selbst tun.

Es ist nicht Fellinis erfolgreichstes Werk. Nach Drehschluss hatten zwei Cutter etwa einen Monat Zeit, um das Material bis zu den Filmfestspielen von Venedig fertig zu schneiden. Dort erfuhr der Regisseur dann eine herbe Enttäuschung, als der Film von der Jury nicht erwähnt und vom Publikum verschmäht wurde: Während der Vorführung begann sich der Saal bereits nach der Hälfte des Streifens zu leeren. Auch die Zeit hat „Die Schwindler“ nicht reifen lassen: Heute zählt Fellini, der 1993 – ein halbes Jahr vor seinem Tod – den Ehrenoscar für sein herausragendes Lebenswerk verliehen bekam, zu den bedeutendsten Filmemacher Italiens, doch als Referenz werden vor allem die Klassiker angeführt, wie „La Strada“ oder den meisterhaften „8 ½“. Der Film um das Gauner-Trio ist ein wenig in der Versenkung verschwunden.
Es geht um Gier und Glaube, Vertrauen und Verrat, die essentiellen Themen, aus denen die großen Dramen gestrickt sind. In diesem hier spielen sich mit der Zeit vor allem die tragischen Elemente in den Vordergrund: Neben den Betrogenen, die das Mitleid des Publikums auf ihrer Seite haben, sind es alsbald die Betrüger, deren aussichtslose Lage sich offenbart. Sie sind gescheiterte Männer, die sich hinter einer Fassade verstecken, die allzu zerbrechlich ist. Roberto erfährt das im Zuge einer Silvesterfeier, auf der er Schmuck zu ergaunern versucht und von Seinesgleichen die Grenzen aufgezeigt bekommt. Picasso erfährt das durch seine Frau, deren Misstrauen Zweifel und Verzweiflung in ihm heraufbeschwören. Und Augusto erfährt das auf dem denkbar brutalsten Weg. Am Ende ist der Film ein hoch moralischer. Es bleibt die Frage offen, mit der die Sympathie zur Hauptfigur steht oder fällt – darin kann man einen dramaturgischen Fehler oder einen beachtlichen Schachzug sehen. Die nachhaltige Wirkung der Geschichte ist jedenfalls sicher: Ein Film, der zum nachdenken und diskutieren anregt, denn wer einmal lügt…