DER STERNWANDERER
R/D: Matthew Vaughn | D: Jane Goldman | K: Ben Davis | ca. 130 Min. | Filmkritik von Jascha P. D. Schulte
TRÄUMERISCHES ABENTEUER
Zu einem guten Fantasy-Film gehören epische Schlachten, einige Mengen an Kunstblut, Helden, die tragisch sterben und in den letzten Jahren Unmengen von animierten Geschöpfen. Alternativ kann man aber auch eine kreative Geschichte erzählen, riesige Schlachtfelder durch phantasiereiche Orte, Nervenkitzel durch Abenteuer und Schwertduelle durch findige Dialoge ersetzen. Und genau das macht das Fantasy-Märchen „Der Sternwanderer“, das im Original den nicht weniger schönen Namen „Stardust“ trägt.
Die geistreich unterhaltende Verfilmung aus dem Jahr 2007 des Romans von Neil Gaiman erzählt die Geschichte des jungen Tristan (Charlie Cox), der in dem kleinen englischen Dorf Wall aufwächst, welches an das magische Königreich Stormhold angrenzt. Der scheidende König (großartiger Auftritt von Peter O'Toole) beschließt dort, das Erbe seines Reiches demjenigen seiner Söhne zu überlassen, welcher ein verzaubertes Amulett wieder beschaffen kann, eine Entscheidung, die nicht nur Tristans Leben grundlegend verändern wird. Das Amulett holt den Stern Yvaine (Claire Danes) vom Himmel auf die Erde, der von diesem Moment an von den verschiedensten Charakteren gejagt wird: Tristan verspricht seiner hochnäsigen Angebeteten Victoria, ihr den gefallenen Stern als Zeichen seiner Liebe zu bringen; die Söhne des Königs vermuten bei ihr das Amulett und lassen bei ihrer Jagd keine Möglichkeit unversucht, sich gegenseitig zu massakrieren, um so die Erbfolge vorzeitig zu regeln; und schließlich wollen die bösen Hexen unter der Führung der von Michelle Pfeiffer gespielten Lamia das Herz von Yvaine verschlingen, um ihre zerfallenen Körper mit neuer Jugend zu erfüllen. Ein packender Wettlauf beginnt, der mit stilsicheren Dialogen und ehrlichem Humor gespickt ist. Spätestens beim Auftritt des tuntigen Piratenkapitäns Shakespeare (Robert De Niro), der einzig von seinem grausamen Ruf lebt, verfällt jeder Zuschauer in amüsierte Stimmung und bekommt ein dauerhaftes Lächeln auf das Gesicht gezaubert.
„Der Sternwanderer“ kommt ohne einen einzigen Tropfen Blut aus und eignet sich nicht zuletzt deshalb bereits für jüngere Zuschauer, wenngleich auch die Kunst der findigen Dialoge und des hervorragenden Drehbuchs sich nur Erwachsenen eröffnet. Die gesamte Inszenierung von Regisseur Matthew Vaughn erscheint in sich stimmig, an keiner Stelle werden Effekte nur um der Effekte Willen eingesetzt, das Staraufgebot an Darstellern fügt sich zu einer glaubwürdigen Komposition zusammen und jedem Mitwirkenden sieht man die Freude an der Rolle deutlich an.
Der Film darf zurecht als Märchen bezeichnet werden, erscheint aber an keiner einzigen Stelle kitschig oder kindisch. Wohingegen Filme wie „Der goldene Kompass“ oder die „Chroniken von Narnia“ auf sprechende Tiere und Kinderhelden setzen, ist „Der Sternwanderer“ durch und durch ernstzunehmen und präsentiert sich dabei weitaus kreativer. Wem die Idee, einen Stern in Form einer wunderschönen Frau über die Erde wandeln zu lassen, noch nicht außergewöhnlich genug erscheint, der darf sich auf Artefakte wie einen Kamm, der die Haare beim Schneiden verlängert oder Kerzen, mit dessen Hilfe man reisen kann, freuen. Auch die Piraten unter Captain Shakespeare bereisen keinesfalls die Weltmeere, sondern segeln in den Wolken auf der Jagd nach Blitzen, die sich bei entsprechender Qualität gut auf dem Schwarzmarkt verkaufen lassen. Allein das Verkaufsgespräch, das Robert De Niro mit einem Abnehmer führt, stellt die gesamten Dialoge anderer Filme in den Schatten.
Insgesamt gelingt es, neben dem in sich geschlossenen und logischen Abenteuer ein Feel-Good-Movie zu implementieren, welches einfach Spaß macht. Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, dass der Film sowohl bei Zuschauern als auch bei Kritikern gleichermaßen beliebt ist. Letztere schätzen insbesondere die Rückbesinnung auf klassische Fantasy-Elemente, die im Zeitalter der digitalen Effekte in den letzten Jahren etwas in Vergessenheit gerieten. Trotzdem hat der Film auf der Kinoleinwand nicht die Beachtung gefunden, welche die deutlich mehr beworbene Konkurrenz erfahren hat. Dennoch gilt „Der Sternwanderer“ als einer der besten Filme für träumerische Abenteuer, gemütliche DVD Abende und graue Wintertage.
