DEI MUDDER SEI GESICHT (1997)
R/D: Simon Mora, Hardy Strohn | D/K: Tiho Slišković | K: Marcus Stotz | ca. 94 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
Zuvor erschienen im Schnitt Magazin
ISCH SAG'S DIR BEIM GUTEN
„Wir danken allen Schauspielern, vor allem denen, die eigentlich keinen Bock auf den Film hatten“ – wer das liest, hat anderthalb Stunden Trash hinter sich: Eine Gangsterodyssee, die solange Kapitalverbrechen in Serienabfertigung zeigt, bis im Finale plötzlich Zombies das Spektakel sprengen und ein Blutbad veranstalten. Was nach einer Variante von „From Dusk Till Dawn“ klingt, ist vielmehr eine ambitionierte Selfmade-Produktion aus der Prä-Youtube-Ära: den 90er Jahren, der Hoch-Zeit Helge Schneiders und Christoph Schlingensiefs, dem Jahrzehnt des deutschen Kettensägenmassakers und der Jagd auf Nihil Baxter. Oder eben: Die Dekade der Mudder.
Der Amateurfilm, eine Genre-Bezeichnung von zweifelhafter Aussagekraft, umfasst bekanntlich alles, was Video-Hobbyisten so in den Fokus nehmen: von familiären Silvesterbesäufnissen bis hin zu den inszenatorischen Gehversuchen selbsternannter Filmemacher. Was dabei rumkommt, erreicht selten eine verbreitungswürdige Qualität – aber über dieses Kriterium ist eine Generation, die medialen Müll in Reinkultur fabriziert und online stellt, längst erhaben. Das von diversen Amateurfilmern favorisierte Endprodukt Trash hat endlich die Waage zwischen Angebot und Nachfrage gefunden. Trotzdem bleibt es ein Unterschied, ob Lektionen im schlechten Geschmack von einem Vollblut-Provokateur wie John Waters aus Leidenschaft, oder von ein paar Jungs wie Simon Mora und Hardy Strohn aus Langeweile erteilt werden. Immerhin: Besagte Jungs landeten mit ihrem skurrilen Humor einen kleinen Kulthit, der zwar keine unangetasteten Tabus bricht oder für heutige Verhältnisse aufzuregen weiß, stattdessen aber mit Ideenreichtum und zuweilen zündendem Witz punktet.
„Dei Mudder sei Gesicht“ entstand 1997 mit ungewisser, aber sicher nicht kommerzieller Intention. Die technische Umsetzung lässt keinen Zweifel daran, dass ohne Finanziers und filmische Kenntnisse gedreht wurde. Das nicht vorhandene Budget entschuldigt die Kamera entschuldigt die grausame Bild-, und Tonqualität auf Homevideo-Niveau – doch abgesehen davon, pfeifen die Macher ebenso auf Bildausschnitt und Szenenausstattung. Bei der Requisitenwahl mangelte es an Geld, Zeit und/oder Motivation und eine digitale Nachbearbeitung hinsichtlich Farbkorrektur hat der Film nie erfahren. Damit entzieht sich das antiperfektionistische Freizeitprojekt aus dem Raum Stuttgart angesichts seiner Machart nach dem Motto „Just for fun“ fast gänzlich einer sachlichen Kritik. Für das Spaßprojekt haben sich eben einige Freunde zusammengetan, um einen Film zum Ablachen zu drehen – zelebriert wird der eigene Humor, den man als Zuschauer entweder teilt oder nicht. Die Sketchparade spielt mit multikulturellen Klischees (Tante Fatma und die Lidl-Tüten: erst hat sie ein Dutzend davon, später einen ganzen Laster voll) und ergötzt sich am schwäbisch-türkischen Ethnolekt, den dieser Film, wenn nicht erfunden, mindestens deutlich geprägt hat (die paar hochdeutschen Sätze klingen hier wie Fremdwörter).
Die Stärken des klamaukigen Chaostrips der drei Gangster Kermet, Ölcrem und Lorenzo finden sich im Schauspiel und im Drehbuch, wobei Letzteres vermutlich nicht mehr gewesen sein wird, als ein paar Notizen auf Spickzetteln. Selbst wenn die Dialoge improvisiert sind, funktioniert die Situationskomik dank haarsträubender verbaler Auswürfe („Du kannst dich in mein Bett legen, ich schlaf dann auf dem Tisch“) über weite Strecken sehr gut. Mit Engagement und angebrachtem Overacting beweisen die Laiendarsteller ihr komödiantisches Talent im Zuge eines permanenten Schlagabtausches von Steilvorlagen für bemerkenswert dumme Sprüche á la „Wo in Ulm? In Ulm, um Ulm oder um Ulm herum?“ Von selten gesehenen Fischwanderungen und sächselnden Zombies hat der Einfallsreichtum der jungen Filmemacher einiges zu bieten. Die Komödie dominiert das mit Splatter-, Grusel- und Martial-Arts-Elementen angereicherte Potpourri aus schrägen Figuren und Subplots. So kommt in anderthalb Stunden kaum Langeweile auf und allein dafür darf man vor den Amateurfilmern den Hut ziehen. Auch wenn ihr Freizeitprojekt den Beteiligten nicht nur Zeit und Nerven kostete – siehe Abspann: „Wir danken Susi für ihren scheiß Stoffhund, der diesem Film zum Opfer fiel.“
