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Die Filmdose

DAS FEST (1998)

R/D: Thomas Vinterberg | D: Mogens Rukov | K: Anthony Dod Mantle | ca. 101 Min. | Filmkritik von David J. Lensing

DAS GEHEIME LEBEN DER MÖRDER

Ein bisschen eitel sei er gewesen, dieser Thomas Vinterberg. Kameramann Anthony Dod Mantle erinnert sich an eine Autofahrt mit dem dänischen Regisseur. Unterwegs zum Drehort habe er immer wieder in den Innenspiegel geschaut, seine Haare gerichtet und schließlich gefragt: “Was meinst du, drehen wir hier ein Meisterwerk?” “Mit Sicherheit nicht!”, lautete Dod Mantles Antwort. Das war 1998 und eine glatte Fehleinschätzung. Inzwischen hat “Das Fest”, der Gegenstand des damaligen Gesprächs, als Dogma-Debüt Filmgeschichte geschrieben und gilt in ästhetischer und dramaturgischer Hinsicht als zwar gewagtes aber durchweg gelungenes Projekt. Die Kunst lag darin, selbst auferlegte Regeln nicht als Einschränkungen wahrzunehmen. Denn echte Kreativität kann sich doch erst beweisen, wenn es einen Rahmen gibt. Wenn alles möglich ist, ist alles langweilig - deshalb sind Low-Budget-Filme den Blockbustern in punkto Einfallsreichtum so häufig überlegen: Der Mangel an Geld muss mit einem Mehr an Ideen kompensiert werden. Die Idee von “Das Fest” ist die Idee des Manifestes selbst:

Von dänischen Regisseuren wie Vinterberg und von Trier bei einer Konferenz anlässlich des 100. Geburtstages des Films vorgestellt, richtete sich Dogma 95 gegen ein Kino der Effekthascherei - 10 Gebote, wie ein Film zu drehen sei, auch bekannt als “Keuschheitsgelübde”. So darf nur an Originalschauplätzen und ohne künstliche Beleuchtung gedreht, keine Musik nachträglich unterlegt und der Regisseur nicht genannt werden. Ziel war wirklichkeitsnahes Kino, das mit einem Höchstmaß an Authentizität die Geschichte selbst in den Vordergrund stellt. Drei Jahre nach Veröffentlichung dieses seinerzeit eher belächelten Manifestes, stellen Vinterberg und von Trier auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes die ersten beiden Vertreter ihrer Charta vor: “Das Fest” und “Idioten”.

Das titelgebende Fest gibt nur den Rahmen des ersten Dogma-Filmes vor: Ein Fest wird gefeiert, der 60. Geburtstag des Familienoberhauptes Helge Klingenfeldt, seinerseits erfolgreicher Geschäftsmann und Vater von vier Kindern. Auf der Gästeliste steht der ganze Clan samt Anhang. Sie kommen auf das Anwesen, sie nehmen an der reich gedeckten Tafel Platz und erheben ihr Glas auf den Gastgeber - dann steht dessen ältester Sohn Christian auf, um einen Toast auszusprechen: Er habe zwei Reden vorbereitet, die Eine in einem gelben, die Andere in einem grünen Umschlag. Sein Vater Helge darf wählen, welche er hören möchte. Ab jetzt nimmt das Unheil seinen Lauf und es beginnt ein an atmosphärischer Dichte kaum zu übertreffendes Drama, in dem eine Familie, die stellvertretend für unsere Gesellschaft mit einem gravierenden Problem konfrontiert wird. Wegschauen steht in diesem Fall nicht zur Debatte - auch wenn es dazu eindringlicher Maßnahmen bedarf. Das Fest wird durchgezogen, von der Begrüßung bis zum Katerfrühstück am nächsten Morgen - damit hat sich die Handlung einer Struktur zu unterwerfen, aus der es kein Entrinnen gibt, obwohl alles aus den Fugen gerät und der Fluchtgedanke so nahe liegt.

Man darf es mit den Dogma-Regeln indes nicht so genau nehmen. Regisseur und Kameramann haben sich zuweilen alle Mühe gemacht, diese Regeln gezielt zu brechen. Doch das schadet der ansonsten kompromisslos direkten Ästhetik und ihrer Wirkung nicht: Anthony Dod Mantle bleibt mit seiner digitalen Handkamera (gedreht wurde auf Sony Hi-8 Videoformat) auf Tuchfühlung mit den Protagonisten. Selbst während einer wüsten Begrüßungsorgie augenscheinlich dutzender Gäste verliert er nicht den Überblick und lenkt die Aufmerksamkeit der Zuschauer diskret auf die entscheidenden Gesten und Momente. Dass er dabei auch einmal angerempelt wird und zurückstolpert, zerreißt die Illusion der “echten” Szene, die frei von Komposition und Regie der unverblümten Beobachtung ausgesetzt ist, nicht ansatzweise - vielmehr unterstreicht sie diese! Von einem Homevideo-Stil zu sprechen, ist hier übrigens Fehl am Platz, denn so zufällig und wackelig die Aufnahmen daher kommen, so bewusst stellen sie sich doch in den Dienst der Geschichte. Filmanalytiker unterstellen den Bildern zwar oft eine durchdachte Intention, die schlichtweg nicht gegeben ist, aber dennoch sind die intuitiv ausdrucksstarken, aus einem Bauchgefühl heraus geschossenen Eindrücke das Werk visuell-denkender Künstler. Und ob es sich nun um Zufall oder Vorsatz handelt: Dass das Bild der Amateurfilmkamera mangels künstlicher Lichtquellen im Laufe der Nacht immer grobkörniger wird und sich aufzulösen scheint, kann man natürlich wunderbar auf die Dekonstruktion und den Zerfall der Familie Klingenfeldt projizieren. Vinterbergs “Das Fest” ist unangenehm, schockierend und öffnet die Augen für ein gesellschaftliches Phänomen, das so offensichtlich wie erschreckend ist. Ein Film, den man gesehen haben muss, über den geredet werden muss, der im Kopf bleibt und dort auch hingehört.