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Die Filmdose

CHEYENNE - THIS MUST BE THE PLACE

R: Paolo Sorrentino | D: Paolo Sorrentino, Umberto Contarello | K: Luca Bigazzi | ca. 118 Min. | Filmkritik von Kevin Ramolla

COMING OF (R)AGE

„Schatz? Ich glaub, ich bin ein bisschen depressiv“, bringt Cheyenne in gequält, heller Stimmlage hervor, als ein weiterer Tag der sozialen Isolation in seiner stargerechten Behausung in Dublin verstrichen ist. Seine behütende Frau, gewohnt souverän gespielt von Coen-Perle Frances McDormand, flüstert ihm ins Ohr: „Vielleicht verwechselt du da was: Depression und Langeweile“.

Zerbrechlich, wie nie zuvor, wandelt Sean Penn hier durch die triste Exposition, in der er als gealterter Gothrocker gezeichnet wird, der sich, nachdem zwei jugendliche Fans ihren Suiziden mit depressiven Songs seinerseits ein Gesicht gegeben haben, vollkommen aus dem Showbusiness zurückzieht, geplagt von Schuldgefühlen und einer tiefen, inneren Wut sich selbst gegenüber. Wie Narben der Vergangenheit, und als würde in ihm immer noch ein pubertierender Teenager toben, trägt er jeden Tag auf´ s neue bühnentaugliche Leder-Röhrenkleidung und macht mit seinem kosmetischen Look Robert Smith deutlich Konkurrenz. Seine trüben, täglichen Routinen, wie etwas Squashspiele mit seiner Frau im leeren Pool oder Mall-Besuche mit seiner besten Freundin, schreien gerade zu nach einem alles auf den Kopf werfenden, ersten Plot Point, der sich auch wenig später per Telefon meldet, in Form seines Bruders, und von seinem sterbenden Vater berichtet. Nicht bloß seiner musikalischen Vergangenheit, sondern auch seiner gesamten jüdischen Familie und ihren Traditionen hat er schon lange den Rücken zugekehrt und steht einem äußerst unangenehmen Familientreffen gegenüber - Und der Tatsache, dass er rein gar nichts über seinen Vater und dessen Vergangenheit weiß. Dieser war zu Holocaust-Zeiten nämlich Gefangener in Ausschwitz und widmete sein Leben nach dieser schrecklichen Erfahrung einzig und allein der Suche nach seinem Peiniger, einem deutschen Offizier, der ihn dort damals demütigte, und nun sein Ableben in der USA fristet. Um seinen Vater und dessen Erfahrungen besser vertraut zu werden, entschließt sich Cheyenne die Suche dort aufzunehmen, wo sein Vater sie nach seinem Tod aufgeben musste. Es beginnt eine bunte und prägende Reise durch die USA, auf der Cheyenne neben vielen skurrilen Personen auch langsam aber sicher sicher Frieden findet.

Schon „Everything Is Illuminated“ von Jonathan Safran Froer, ob in Buch- oder Filmform brachte die Thematik der Selbstsuche durch die Holocaust-Erkundung ins Rollen, doch in „Cheyenne - This Must be The Place“ fügt sich dieser schwergewichtige Plot nur mit Mühen ein und wirkt bei seiner Einführung anfangs eher wie eine Katze, die man in eine mit Wasser gefüllte Badewanne werfen will. Sie könnte dem Autor ziemlich arg die Hände zerkratzen. Denn was als seichtes Personendrama mit komödiantischen Einflüssen beginnt, schlägt plötzlich diesen vollkommen unerwarteten und schwierigen Weg ein. Memoirenzitaten seines Vaters von KZ-Erfahrungen ziehen eine dunkle Linie durch den Werdegang der Story. Doch trotz dieser Startschwierigkeiten arbeitete und gestaltete Paolo Sorrentino die Reise und Cheyenne´s Erfahrungen so liebevoll aus, dass sich alles letztendlich fügt, auch wenn man oftmals nicht unbedingt weiß, was gewisse Szenen einem sagen wollen. Meist ein bisschen willkürlich trifft Cheyenne auf Persönlichkeiten, wie etwa einem schweigsamen Indianer im Anzug, oder einer jungen und alltagsmüden Witwe, deren Mann im Krieg fiel und ihr gemeinsames Kind nun in einem Bungalow großzieht, oder etwa Robert Plath, dem selbsternannten Erfinder der rollenden Koffer. Sorrentino schenkt diesen Figuren immer angemessen viel Zeit, um sich zu entfalten und dem Film seine komplexe Blüte zu verleihen, in der Cheyenne umherirrt. Es ist äußest bemerkenswert, wie Sorrentino, selbst auch als Ausländer mit seinem ersten Film, der nordamerikanischen Boden berührt, sich diesem bildlich nähert. Er nutzt die Vereinigten Staaten als Kunstobjekt, welches man beobachten, aber nicht unbedingt berühren oder verstehen soll. Cheyenne, anfangs daheim in den Altstadt-Vororten Dublins, wirkt hier noch wie eine schräg karikierte Comicfigur und ordnet sich später den Reiseszenarios und ihren ganz eigenen bunten Karikaturen von Lebensgeschichten und Orten unter. Nicht anders wie bei vielen anderen Roadmovies wird Cheyenne hier von einem seltsamen Ort zum nächsten getrieben und beginnt eine tiefe Selbstwandlung zu vollziehen, jedoch dank Sorrentions Auge für Kunst äußerst individuell in Szene gesetzt.

David Byrne, Leadsänger der „Talking Heads“ , hat hier ebenfalls noch eine kleine Gastrolle und tritt Cheyenne als ehemaliger Bandkollege gegenüber. Cheyenne, außer sich vor Selbsthass, reißt hier erstmals einen ausschweifenden Monolog, was nach seinem Auftritt als leiser und gequält hoch sprechender, spärlich formulierender Kautz durchaus bewegt. Sean Penn jongliert wieder einmal einzigartig mit Wut und der Trauer des Protagonisten und präsentiert die Wandlung seiner Person über die Reise hinweg mehr als bloß glaubwürdig. Durch viele einsame Momente und Abende in Hotelzimmern oder später in der leeren Wohnung des Peinigers etwa, macht man sich noch besser mit Cheyennes trüben Gefühlszustand vertraut. In dieser speziellen Art von Personendrama, die dem Protagonisten schon von Anfang an Steine in den Weg legt („Mein Vater stirbt und ich bin seit dreißig Jahren nicht geflogen.“) taucht man ein, in eine Kombination aus Melancholie und aufkeimender Schönheit, die sich in den warmen Bildern, die den dunklen Cheyenne durchgehend umhüllen, äußern. Auch der Sountrack setzt sich aus vielen Perlen zusammen, die die Reise in ihren Stimmungswandlungen harmonisch begleiten. Hier haben wir zum Beispiel eine vielfältig gecoverte Version von „This Must be The Place“ von den „Talking Heads“ bis hin zu dem isländischen, verträumten Postrock-Track „Happiness“ von Jónsi & Alex. Nicht zu vergessen ist die ironisch-fiktive Filmband „The Pieces Of Shit“, die durchgehend einen zum Besten geben und ihr Album anfangs lustigerweise von Cheyenne produziert haben wollen.

Mit „Cheyenne – This Must Be The Place“ schafft Paolo Sorrentino zwar einen eher merkwürdigen Naziverfolgsjagd-Film, der mit Rachegelust-Level und Brutalität kein bisschen mit beispielsweise „Inglorious Basterds“ zu vergleichen ist, aber auf eine ganz anderen Generationsebene zusticht. Denn Cheyenne, der keine Ahnung von Antisemitismus und den Verfolgungen während des zweiten Weltkrieges hat, wird eher von den Schatten der Vergangenheit und einem tiefen Bedürfnis nach Anerkennung von seinem Vater angetrieben. Es knüpft sich ein dünnes Band zwischen der Verfolgung eines vielleicht schon Toten und Cheyennes Vergänglichkeit des Seins, oder in seinem Fall der Lebenseinstellungen. Es wurde somit vielleicht einer der letzten zeitgenössischen Naziregime-Racheakte verfilmt, denn die originale Brut stirbt aus. Aber nur langsam. Ein Hoch auf die moderne Medizin.