BURIED
R: Rodrigo Cortés | D: Chris Sparling | K: Eduard Grau | ca. 95 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
Zuvor erschienen im Schnitt Magazin
KISTE ZU, AFFE TOT
Die Frage, welchen Tod zu sterben man ehesten bereit wäre, hat sich wohl jeder schon gestellt. Es ist das Abwägen von Heftigkeit und Dauer der Schmerzen, das ein Projektil gegenüber einem Messer sympathisch macht. Oder einen Sturz vom Dach gegenüber einem Tod in den Flammen. Hauptsache, man ist tatsächlich tot, wenn man schließlich in einer Kiste unter der Erde landet. Denn so gewaltig die Bandbreite vorstellbarer Sterbeszenarien auch ist: „Lebendig begraben zu werden, ist ohne Frage die grauenvollste aller Martern, die je dem Sterblichen beschieden wurde.“ Altmeister Edgar Allan Poe muss es wissen – er hat sich in seinem literarischen Werk mit jeglichen menschlichen Urängsten beschäftigt und von zahlreichen Fällen berichtet, in denen Totgeglaubte in ihren Gräbern erwachten. Grausige Vorstellung.
In dem ausgesprochen konkret betitelten „Buried – Lebend begraben“ kann von totgeglaubt keine Rede sein: Paul Conroy alias Ryan Reynolds wurde mit voller Absicht lebendig begraben. Die Umstände sind weniger Thema als Katalysator des Films und bedürfen keiner weiteren Erläuterung. Es geht um einen Mann, der ohne die grausame Lehre des Pai Mei einen Weg aus seinem Grab sucht. Die Requisite beschränkt sich im Wesentlichen auf ein Feuerzeug, einen Flachmann, ein Taschenmesser und ein Handy. Letzteres dient als einziger Kontakt zur Außenwelt, die in aller Konsequenz nur zu hören, nie zu sehen ist. Der spanische Regisseur Rodrigo Cortés präsentiert keine Mogelpackung á la Schumachers „Nicht auflegen!“, der sich damit brüstet, ausschließlich eine Telefonzelle als Schauplatz zu wählen, und tatsächlich einen ganzen Straßenblock in Beschlag nimmt. „Buried“ hingegen spielt sich über anderthalb Stunden ohne Splitscreen oder ähnliche inszenatorische Kniffe in einem Sarg ab. Zwar lässt dieser dank seiner Größe etwas mehr Bewegungsspielraum zu, als handelsübliche Särge, aber Kiste bleibt Kiste. Ein streng limitiertes Konzept, das nur auf Grundlage eines ideenreichen Drehbuchs und der überzeugenden Performance des Schauspielers aufgehen kann.
Wem möchte man schon über 90 Minuten hinweg beim widerwilligen Sahin-Siechen zuschauen? Gefragt ist ein Jedermann, der gerade so sympathisch ist, dass der Zuschauer nicht das Interesse verliert, und gerade so verbissen, dass Selbstaufgabe keine Option ist. Gefragt ist weder ein Held, der bloß Bewunderung zulässt, noch ein Opfer, das nur Mitleid heraufbeschwört. Mit Ryan Reynolds wurde der richtige Mann für diese Aufgabe gefunden. Als Lastkraftwagenfahrer und Familienvater Paul mit Dreitagebart und T-Shirt weckt er genug Anteilnahme beim breiten Publikum, verhält sich weder übermäßig clever noch dumm und liefert ein rundum glaubwürdiges Schauspiel. Autor Chris Sparling räumt dem Protagonisten seines klaustrophobischen Albtraums die ganze Bandbreite emotionaler Zustände ein: Reynolds gibt sich verzweifelt, wütend, kämpferisch, schwarzhumorig, fluchend, heulend und führt, dem Drehbuch sei Dank, keine künstlichen Selbstgespräche. Trotzdem würde die Geschichte wunderbar als Hörbuch funktionieren und womöglich eine umso heftigere Wirkung entfalten – ganz wie Poes Kurzgeschichten. Das Bild ersetzt die eigene Vorstellung erst und macht aus der persönlichen Erfahrung die des Mannes auf der Leinwand.
Kameramann Eduard Grau hat zudem keine andere Wahl, als mit dem Schauspieler auf Tuchfühlung zu bleiben. Der stark eingeschränkte Raum raubt ihm die gestalterische Freiheit – sollte man meinen. Stattdessen zeigt sich in „Buried“ wieder einmal, dass ein kreativer Kopf Grenzen nicht meidet, sondern als Rahmen für sein Werk betrachtet. Grau lichtet den Sarg auf jede denkbare Weise ab. Er weidet sich regelrecht am morbiden Setting und lässt kein Detail außer Acht. Jeder Kratzer im Holz hat in diesem Film seine lebenswichtige Bedeutung. So werden die 95 Minuten six feet under auch visuell nicht langweilig: Selbst wenn die bombastische PR-Kampagne hinter dem Projekt die Erwartungen in sphärische Höhen schraubt, ist „Buried“ ein durchaus sehenswerter, weil spannender und wirkungsvoller Streifen. Lediglich der tierische Gastauftritt zeugt von einer unterschwelligen und letztlich unnötigen Angst, die Geschichte mit Schauwerten spicken zu müssen, um den Zuschauer bei der Stange zu halten.
