BRAND
R/D: Thomas Roth | K: Jo Molitoris | ca. 105 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
Zuvor erschienen im Schnitt Magazin
EASY, HERR BRAND
Wenn Brand vor dem Spiegel steht, ist sein Gesicht so aschfahl wie das der Leichen, die er fotografiert. Seine Frau liegt krebskrank im Sterben und doch scheint er selbst dem Jenseits plötzlich viel näher zu sein. Anders kann diese Geschichte gar nicht ausgehen. Sie beginnt mit dem Bild eines erschossenen Rehs und lässt nur einen Schluss zu: den Tod. Irgendjemand muss dran glauben. Schlimmstenfalls alle. Denn das ist „Brand“ – wie der Untertitel schon sagt – eine Totengeschichte.
Dieser lupenreine Film Noir bringt alles mit sich, was die Stilrichtung definiert: Bilder so düster und kalt, wie die Figuren, die sich darin tummeln. Mehr Regen als Sonne und kein Funken Hoffnung auf ein glückliches Ende. Nicht zuletzt ein in die Enge getriebener Held, der nichts mehr zu verlieren hat. Josef Bierbichler spielt diesen Helden, einen alten Mann namens Brand. Um ihn dreht sich die Handlung, er setzt sie in Gang, an ihm klebt die Kamera. Regisseur Thomas Roth verschwendet keine Zeit daran, dem Zuschauer die Ambivalenz seines Protagonisten einzubläuen: Brand ist nicht der trauernde Ehemann, der er in der ersten Minute zu sein scheint, nicht der schräge Voyeur der zweiten Minute, längst nicht mehr der berühmte Schriftsteller, als der er in der dritten erkannt wird. Was von Brand übrig geblieben ist, im Herbst seines Lebens, ist ein zugrunde gerichteter Kerl, der sein Geld verspekuliert, seine Liebe zur Ehefrau verlernt und die besten Ideen schon verbraten hat. Einem Freund sagt Brand, er wolle ein Buch über den Tod seiner Frau schreiben. Ein bisschen früh, meint der Freund.
Die Geschichte kommt ins Rollen, als Brand gleich zu Beginn des Films eine Affäre mit einer Krankenschwester beginnt. Nicht nur er geht fremd, auch sie ist verheiratet – mit Celik, einem stolzen Türken, dem als Polizist alle Mittel gegeben und recht sind, Brand zu vernichten. Gespielt wird Celik von Denis Moschitto, dessen Performance schwer an „Chiko“ erinnert, nur das der Gangster hier eine Dienstwaffe trägt. Moschittos Interpretation und Roths Inszenierung des undurchsichtigen Celik sind ein Highlight des Films. Mit dem Auftritt dieses mächtigen Antagonisten schlägt das Seitensprungdrama in einen astreinen Thriller um – hochspannend und absolut humorlos.
Damit muss man sich abfinden. In dem österreichischen Genrebeitrag gibt’s nichts zu lachen, nichts zu schmunzeln, weder für den Zuschauer, noch für den Helden. Roth hat einen konsequenten, drastischen Film abgeliefert – handwerklich gut gemacht, dramaturgisch prima funktionierend. Er versteht es, dass Interesse seines Publikums an einem nicht unbedingt sympathischen Kauz zu wecken und über zahlreiche Wendungen die Spannungsschraube anzuziehen, bis die Geschichte ausufert und auf ein plötzliches, aber passendes Ende zusteuert. Hervorzuheben ist Josef Bierbichler, dessen facettenreiches Schauspiel seinesgleichen sucht. Ohne große Gesten gelingt es ihm, sein Gefühlschaos nach außen zu tragen und den Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Auf dass es ihm gelinge, der Katastrophe zu entgehen.
