BLACK SWAN (2011)
R: Darren Aronofsky | D: Andres Heinz, Mark Heymann | K: Matthew Libatique | ca. 103 Min. | Filmkritik von Wolfgang Becker
WIE WEIT GEHT MAN FÜR DIE PERFEKTION?
Darren Aronofsky weiß, wie man Zuschauer schocken kann. Entweder mit visuellen Momenten, wie in „Requiem for a dream“ oder mit der tiefen, psychologischen Darstellung eines Ringkämpfers in „The Wrestler“. Mit „Black Swan“ vereint Aronofsky beides – und das so perfekt, dass man angewidert von den visuellen Darstellungen und der Psyche der Charaktere ist, aber auch gleichzeitig einfach nur fasziniert. Es ist, wie man so schön sagt, wie bei einem Autounfall, man kann einfach nicht weg sehen. Ein paar Worte zum Inhalt vorweg: Der Regisseur des New Yorker Ballets Thomas Leroy (Vincent Cassel) möchte die Balletwelt revolutionieren und eine atemberaubende Aufführung des „Schwanensees“ zeigen. Dazu wird der einst glänzende Stern Beth (Winona Ryder) verabschiedet und eine neue Primaballerina für die Rolle des weißen Schwans gesucht. Nina (Natalie Portman) träumte schon als Kind davon, der weiße Schwan zu sein und ordnet ihr ganzes Leben dem Ballet unter, was unter anderem durch eine erfolgssüchtige Mutter unterstützt wird. Leroy sieht Nina zwar als perfekten weißen Schwan, möchte aber gerne den Gegenpart, den schwarzen Schwan, von derselben Tänzerin besetzt haben. Immer wieder kritisiert er Nina, fordert sie auf, sich gehen zu lassen, einfach mal zu leben. Gleichzeitig richtet sich seine Aufmerksamkeit auf Lily (Mila Kunis), die nahezu die Personifikation des schwarzen Schwans zu sein scheint.
Die Geschichte des „Schwanensees“ ist sehr deutlich die Grundlage dieses Films. Aronofsky macht auch keinen Hehl daraus und lässt die Story direkt am Anfang erzählen: Eine Prinzessin wird im Körper eines Schwans gefangen gehalten und kann nur durch wahre Liebe befreit werden. Als dann jedoch ein Prinz endlich kommt, wird er in die Irre geleitet und von der dunklen Seite der Prinzessin, dem schwarzen Schwan, verführt. Am Ende wählt die Prinzessin den Freitod. Genauso offensichtlich wie die Grundlage der Geschichte, ist die Optik des Films. Die Farben Schwarz und Weiß erscheinen überall und auch die klare Rollenverteilung, Nina als unschuldiges, zerbrechliches Mädchen hauptsächlich in weiß gekleidet und Lily auf der anderen Seite als verführerische Femme fatal natürlich schwarz gekleidet, wird nicht subtil dargestellt. Doch das ganze geschieht ohne aufdringlich zu wirken.
Aronofsky schafft es, Spannung auf eine ganz andere Art zu erzeugen. Sei es durch faszinierende Kamerabilder, einen mitreißenden Soundtrack oder schockierende Specialeffects, die nichts für schwache Nerven sind. Hinzu kommen die schauspielerischen Fähigkeiten von Vincent Cassel und auch Mila Kunis weiß zu überzeugen, kennt man sie sonst nur aus der Fernsehshow „Die wilden Siebziger“ oder als Synchronstimme von Meg Griffin. Aber das wirkliche Prunkstück des Films ist Natalie Portman. Man merkt ihr in jeder Sekunde ihre lange Vorbereitungszeit an, in der sie schon ein Jahr vorher ihren Balletunterricht aus der Kindheit wieder aufgenommen hatte. Portman erschüttert, beeindruckt, reißt mit, schreckt ab, verzaubert und verwirrt den Zuschauer immer wieder aufs Neue. Den Golden Globe konnte sie schon abstauben und gilt auch als Favorit für den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Aronofskys „Black Swan“ ist kein typischer Mindfuck-Film, der den Zuschauer nur über das Ende rätseln lassen will, was nicht heißt, das er das nicht auch macht. Nein, Black Swan ist vor allem ein Film über krankhaften, selbstzerstörerischen Perfektionismus in einem Business, das der normale Betrachter nur als schöne, glänzende Welt kennt. Den dreckigen, dunklen Backstagebereich bekommen nur diejenigen zu sehen, die dort arbeiten.
