BEN HUR (1959)
R: William Wyler | D: Karl Tunberg | K: Robert Surtees | ca. 94 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
HISTORISCHER SPITZENREITER
Am Anfang war das Wort. Wie bei allen Literaturverfilmungen: Ein über die Christen spottender Stabsoffizier inspirierte einst den amerikanischen Rechtsanwalt und Bürgerkriegs-General Lewis „Lew“ Wallace zu seinem 1880 veröffentlichten Roman „Ben Hur“. Denn nach der Begegnung mit jenem Offizier wandte sich Wallace erstmals dem christlichen Glauben zu und nahm sich vor, ihn grundlegend zu erforschen. Der Legende nach schrieb Wallace, der seiner Zeit nicht als großartiger Schriftsteller galt, die ersten Zeilen des historischen Bestsellers unter einer Birke in Indiana. Über das Recherchieren und Schreiben wurde er nicht nur streng gläubig, sondern auch unverschämt erfolgreich: Im 19. Jahrhundert wurde lediglich die Bibel öfter gedruckt, als „Ben Hur“. 1959 entstand die dritte und populärste Verfilmung des literarischen Klassikers unter der Regie von William Wyler. Die Zahlen sprechen für sich: über 350 Sprechrollen, 50.000 mitwirkende Komparsen, 250 Kilogramm Haare diverser italienischer Frauen (zur Produktion von Bärten und Perücken) und die Metro-Goldwyn-Mayer-Kamera 65 (damals gerade neu entwickelt – 100.000 Dollar kostete ein Exemplar, sechs Stück waren im Einsatz) verhalfen zu einem 213-minütigen Werk der Superlative. Allein in das legendäre Wagenrennen soll eine Million Dollar investiert worden sein. Nach einem Artikel von Karen Krizanovich existierten über vierzig unterschiedliche Drehbuchfassungen für die erste Tonfilmfassung von „Ben Hur“.
Dass die Geschichte Potential zum Kassenschlager hat, bewies schon der Stummfilm von Fred Niblo, der zum Kinohit des Jahres 1925 avancierte. Mit modernster Filmtechnik setzte sich Wyler keine geringeren Maßstäbe, als das hervorragendste und teuerste Leinwand-Epos aller Zeiten schaffen zu wollen. Da sind Probleme vorprogrammiert. Zum Beispiel stellten sich die Kameras als zu groß für die Schiffe heraus und die Affenhitze machte die Dreharbeiten zu einer konditionellen Herausforderung. Die finanziellen Probleme des MGM-Studios lösten sich indes, als „Ben Hur“ 1959 schließlich in die Kinos kam: Der Kassenschlager räumte 11 Oscars ab und hielt diesen Trophäen-Rekord bis in die späten 90er Jahre – als die „Titanic“ ein zweites Mal den Eisberg rammte. „Ben Hur“ spielt im Jahre 30 nach Christus und beginnt mit einer Stippvisite: Der römische Tribun Messala (Stephen Boyd) besucht seinen Jugendfreund Judah Ben-Hur (Charlton Heston), der als wohlhabender Mann mit Mutter und Schwester in Jerusalem lebt. Es dauert nicht lange, ehe sich zeigt, dass Messala und Ben-Hur inzwischen unterschiedliche politische und religiöse Meinungen entwickelt haben. Während einer Konversation, die sich zum Streit steigert, wird im Innenhof Ben-Hurs Tacheles geredet und aus den einstigen Freunden werden Feinde. Wenig später findet eine Willkommensparade für den neuen Stadthalter statt, die an Ben-Hurs Haus vorbei führt. Von der Dachterrasse aus beobachtet Ben-Hur das Spektakel, als sich plötzlich ein Ziegel löst, herabstürzt und den Stadthalter verletzt. Messala weiß, dass es sich um einen Unfall handelt, nutzt aber die Gelegenheit, um an Ben-Hur – dem Juden – ein Exempel zu statuieren (denn die Stadt ist aufgrund eines so genannten „Messias“ aus Nazareth in Aufruhr). Der Tribun schickt ihn zu den Galeeren. Drei Jahre lang rudert Ben-Hur als Sklave im Bauch römischer Galeeren, bevor er bei einer Seeschlacht seinem Kommandanten das Leben retten – und endlich die Chance bekommt, sich zu rächen. Die folgende Geschichte um Rache und Vergeltung wird stringent und so packend erzählt, dass sie den Zuschauer über dreieinhalb Stunden unterhält, ohne zu langweilen.
Am Ende des Films möchte man von keiner Szene behaupten, sie könne aus dem Werk verbannt werden. Der historische Fehler, dass es in der Antike keine Galeerensklaven gab (die Römer setzten viel zu sehr auf Effizienz, als ihre Kriegsschiffe von schwachen Sklaven rudern zu lassen) ist letztlich ebenso nebensächlich, wie die Ungereimtheit, dass Tribun Messala, also ein Prominenter aus der Politik, an einem Wagenrennen teilnimmt. Bei dem Dreh des Wagenrennens waren übrigens stets Ärzte und Krankenschwestern anwesend. Von den Wagenlenkern musste zwar niemand behandelt werden, stattdessen erlitten einige der 15.000 Statisten auf den Tribünen einen Hitzschlag. Das konnte bei der vierten Verfilmung von „Ben Hur“ nicht passieren: 2003 wurde für das US-Fernsehen die erste Zeichentrick-Version des Klassikers produziert. Die Hauptrolle sprach Charlton Heston, der für seinen „Ben Hur“ Ende der 50er den Oscar als „Bester Darsteller“ bekam.
