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Die Filmdose

8 1/2 (1963)

R/D: Federico Fellini | D: Ennio Flaiano | K: Gianni Di Venanzo | ca. 138 Min. | Filmkritik von David J. Lensing
Einen Artikel über Fellinis Werk gibt's im Schnitt Magazin

KEIN SELBSTPORTRAIT

Auf der 45. Werkstatt der Jungen Filmszene in Wiesbaden präsentierten die Teilnehmer Tom Plümmer und Emanuel Brod ihren Bewerbungsfilm für eine Filmhochschule. Die Aufgabe – ein Film zum Thema „Krise“ – hatte die beiden Jungs dazu inspiriert, ein Videotagebuch über die Suche nach Einfällen, die ausbleiben und schließlich die Krise verursachen, zu drehen. So entstand „Tagebuch“, ein Kurzfilm über die Qual der Kreativblockade. Gelungene drei Minuten, in denen der Wahnsinn regiert. Doch selbst die Idee, keine Idee zur Idee zu machen, ist (wie jede Idee) nicht neu. Auf die Spitze getrieben wurde die Verfilmung eines künstlerischen Stillstandes bereits in den 60er Jahren, als ein italienischer Regisseur nach sechs Kinofilmen, zwei Kurzfilmen und einer Co-Regie vor der Frage stand: „Was nun?“

Gemeint ist Federico Fellini, der nach achteinhalb Filmen den Film „Achteinhalb“ schuf: „Einen Film, den ich auf keine Weise sehen kann, ohne ihn nicht als Meisterwerk zu erkennen“, wie Filmkritiker Dwight MacDonald es schon 1964 kurz nach der Premiere auf den Punkt brachte. Mit seinen Höhen und Tiefen, seinem Schaffensdrang und Ruf als Italiens Maestro ist es viel zu einfach, Fellini ein rein autographisches Motiv zu unterstellen, wenn er die Geschichte eines Regisseurs zwischen Sinnkrise und Leistungsdruck erzählt. Mit Sicherheit sind es eigene Erfahrungswerte, die Fellini inspirierten, und er weiß genau wovon er spricht, wenn er Guido Anselmi sagen lässt: „Das Glück liegt darin, die Wahrheit sagen zu können, ohne irgendwen zu verletzen.“ Nichtsdestotrotz gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen Fellini und seinem vermeintlichen Alter Ego: Anselmi, der Regisseur eines Films, der geplant ist, ohne dass auch nur eine Idee vorliegt. Das Debüt war ein Riesenerfolg und jetzt möchten Presse, Produzenten und Publikum mehr von Anselmi sehen. Doch da gibt es nicht zu sehen, außer einer Raketenabschussbasis-Attrappe in der Wüste.

Seine Bekanntschaft mit dem deutschen Psychoanalytiker Ernst Bernhard beeinflusste Fellinis Kino dahingehend, psychische Abgründe und Probleme mit traumhaften Sequenzen zu visualisieren. So ist es kaum verwunderlich, dass wir das künstlerische Wrack Guido Anselmi in einem vieldiskutierten Traum kennen lernen (die Flucht aus dem erstickenden Stau), ehe er in einer skurrilen Kurklinik erwacht und der Spießroutenlauf losgeht. Hier kommt besagter Unterschied zwischen dem von Marcello Mastroianni beeindruckend verkörperten Protagonisten und seinem Schöpfer zum Tragen: Fellini vermischt mit unglaublicher Lässigkeit die gefilmte Gegenwart und Realität mit Träumen und Erinnerungen, ohne dabei Zweifel an seiner Rezeptur erkennen zu lassen. Dieser Film verrät das Genie eines Künstlers, der selbst den wenig originellen Ansatz, die eigene Situation vage zum Gegenstand seines nächsten Kunstwerks zu machen, gekonnt verwandelt: Das Ergebnis ist nicht verkopft, sondern mitreißend und angenehm selbstironisch und amüsant. Guido, der „artist in extremis“, ist so verzweifelt und ideenlos, dass uns der Erzähler seiner Geschichte schlichtweg nicht glauben machen kann, hier autobiographisch vorgegangen zu sein – zumindest was die aussichtslose kreative Blockade Anselmis anbelangt. Den Spaß, mit diversen (nicht zuletzt optischen) Anspielungen auf seine eigene Person für zusätzlichen Diskussionsstoff zu sorgen, lässt sich ein Filmemacher von Fellinis Format natürlich nicht nehmen.